Weihnachten in Mexiko = PPP

Nach mehr als acht Jahren in Lateinamerika (drei davon in Mexiko) schien mir ein Bericht über mexikanische Weihnachtsbräuche genau der richtige Weihnachtsgruß für alle BlogleserInnen zu sein. Kollegen aus der Latinoszene sagen manchmal, sie verstünden nicht, was Commons mit Lateinamerika zu tun haben. Das ist erstaunlich, denn Commons sind überall. Beispiel: Weihnachten in Mexiko. Das sind drei große Ps: POSADA, PIñATA und PASTORELA.
Die „piñata“ ist in Lateinamerika das Symbol für die fiesta schlechthin. Und ein Mordsgaudi obendrein. Noch heute redet meine Tochter von der „piñata“, die sie zu ihrem 6. Geburtstag geschlagen hat.

Marco Polo soll sie aus China mitgebracht haben. Dort wurden Tonkrüge in Gestalt von Nutztieren mit Samenkörnern gefüllt, die sich nach dem Zerschlagen der Krüge über die Erde verstreuten und so den Bauern zur Begrüßung des Neuen Jahres eine gute Ernte versprachen. Anfang des 16. Jahrhunderts nutzten spanische Missionare die „piñata“, um religiöse Zeremonien für die indigene Bevölkerung attraktiver zu machen. Dabei konnten sie an Traditionen der Azteken oder Maya anknüpfen. So huldigten die Azteken ihrem Kriegsgott Huitzilopochtli (versuchen Sie gern, das auszusprechen), indem Priester auf einem Pfahl im Tempel einen Tontop abstellten, mit diversen Gaben befüllten und reich dekorierten. Der Topf wurde -wie heute die „piñata“- mit einem Stock traktiert. Irgendwann fiel der Inhalt als Opfergabe vor die Götterstatuen.

Die gewieften Missionare wandelten diese traditionellen Zeremonien für ihre Zwecke ab. Mit allerlei Symbolik befrachtet entstand schließlich die „piñata“ so wie sie meine Tochter vom Kindergeburtstag kennt – als hohler Pappmachékörper – oft in Form eines Sterns: Dessen sieben Zacken repräsentieren die sieben Todsünden -Habgier, Völlerei, Trägheit, Stolz, Neid, Zorn und Lust. Der Stern wird, stellvertretend für die Versuchungen der Welt, mit allerlei Süßigkeiten und kleinen Geschenken gefüllt. Dem Spieler werden die Augen verbunden, er bekommt einen Stock in die Hand und einen Drehwurm verpasst.

Die „piñata“ schwebt irgendwo in der Luft, schaukelt heftig, die Umstehenden singen anfeuernd: „dale dale dale, no pierdas el tino“ … „Los, schlag, Verlier nicht Deine Seele…“ Der Spieler (jede*r kommt mal dran) repräsentiert die schlagende Kraft im Kampf gegen den Teufel. Der Stock die Kraft, den Teufel zu besiegen. Die anderen schauen nach oben, in Erwartung des Segens. Er prasselt, sobald das erste Leck geschlagen ist,  auf alle nieder. Was dann folgt ist ein einziges Über- und Untereinanderpurzeln von Kindern (um die Kleinsten kann einem Angst und Bange werden). Sie stürzen sich – mit durchaus habgieriger Lust auf Völlerei – auf die Süßigkeiten, die „Belohnung für den guten Glauben“.

„Piñatas“ gehören zu jedem Kinderfest. Oft in Form von Märchen- oder Comicfiguren, in der Vorweihnachtszeit aber nach wie vor häufig in Form dieses Sterns. Er soll an den Stern von Bethlehem erinnern. Piñatas gehören auch zum zweiten weihnachtlichen P: den Posadas: Sie beginnen 9 Tage vor Heiligabend. In den Dörfern werden neun Familien ausgewählt, die in den neun Tagen vor Weihnachten für einen Tag und eine Nacht „Los Peregrinos” (Pilger) aufnehmen. Die Pilger stehen für Josef und die Maria und spielen die Herbergssuche nach. Die Dorfgemeinschaft zieht mit den „Peregrinos” zu den Häusern der ausgewählten Familien. Dort bitten sie singend um Einlass – von innen wird singend geantwortet. Eine Strophe hier – eine dort. Jede/r Mexikaner/in kann das auswendig. Als wir das in der Schule meiner Tochter gemacht hatten, hatten alle Kerzen in der Hand. Es war dunkel, kalt und …romantisch. Schließlich öffnet die Schule (normalerweise die gastgebende Familie) die Tore und läßt alle Pilger zum Ausruhen ein. Dann wird „Ponche” serviert. Ein warmes, nicht-alkoholisches Getränk aus Äpfeln, Zuckerrohr, Rosinen und Tecojocotes (einer kleinen Dezember-Frucht). Krachsüß natürlich. Wir reden ja von Lateinamerika.

Und dann das dritte P: die pastorelas: ursprünglich eine religiöse Theateraufführung aus dem Spanien des 16. Jhd. Der Teufel versucht die Hirten vom rechten Weg zu locken. Die sieben Todsünden im Schlepptau. Doch das Gute (in Gestalt des Erzengels Gabriel), siegt immer gegen das Böse. Gut-Böse. Eine Dichotomie, die auch die Missionare mitgebracht haben. Es gibt große öffentliche pastorelas, heute übrigens satirische Hirtenspiele in unzähligen Varianten und mit durchaus aktuellen Bezügen. Und es gibt Vorstellungen in Schulen und Theatern. Hier ein topaktuelles Bild.

Feste, Traditionen und Bräuche sind commons. Es gibt wenig community mitten in der Megametropole. Jeder hetzt in dieser Stadt von A nach B. Urlaub gibt es kaum (6 Tage im Jahr); umso wichtiger ist diese Auszeit. Gemeinsame, geteilte Zeit. Das fanden übrigens auch Vertreter der Kirchen in Deutschland, als – wie vor zwei Jahren in Sachsen – die Landesregierungen beschlossen, auch die Adventssonntage verkaufsoffen zu machen. Sie starteten eine Kampagne zum Schutz des Gemeingutes freie Zeit, denn sie hielten es für keine gute Idee, wenn „die Städte den Advent verkaufen.“

Feliz Navidad! Silke

foto1 on flickr by NikitaKashner foto2 on flickr by Orcoo

3 Gedanken zu „Weihnachten in Mexiko = PPP

  1. Da frag ich mich natürlich nicht, was die drei Ps so attraktiv macht, weil ich eh Anhänger des PaPePiPoPu der Stimmübung bin, sondern wie weit der Weg von Puebla nach Panamá sein mag, um aus mexikanischen Bräuchen dann halt auch wieder eine Public Private Partnership zu machen, in der die öffentlichen Commons, aber nicht unbedingt alle hier veröffentlichten, Weihnachtszeiten entsprechend mit ihrem Gegenteil, unterm Baum, das Jesuslein liebkosend oder Coca Colas Santa Claus, der commons geworden ist, partnership machen – statt klar Schiff zum Gefecht.

  2. Schöner Thread Silke (Google: „3 ps weihnachten mexiko“ der dritte Treffer).

    Einziger Teil der, wie ich fand, etwas zu kurz kam, ist der familiäre Aspekt der so ultra-dominant ist. Ist zwar nicht direkt Teil der PPPs, macht aber für mich einen wesentlichen Bestandteil der mesikanischen Weihnacht aus. Im zweiten Jahr mit mexikanischer Freundin in Veracruz unterwegs (und der gesamten Familie) gibt es doch ein paar Details zu erwähnen die zu allen dieser Feste dazugehören.

    Dieses Jahr, Heilig Abend, ~70 Leute zu Gast im Hause, die meisten sind für eine Woche, manche aber auch nur kürzer da. Die längste Anreise: 41 Stunden um drei Tage mit den Lieben zu verbringen. Na das nenn ich mal ein starkes Zugehörigkeitsgefühl!

  3. Hallo Nils, das freut mich! Ist eine wichtige Ergänzung, die Du da machst… für AusländerInnen, die dort keine Familie haben/hatten, ist das ganze mexikanische Zusammengehörigkeitsgefühl dann auch etwas anstrengend 🙂
    Es gibt noch eine ganze Menge unerwähnter Dinge. Die romeritos zum Beispiel, dieses merkwürdige Grün mit Schweinefleisch gedünstet, sehr eigenwillig im Geschmack … aber eben typische Weihnachtskost.
    Viel Spaß noch in Veracruz. Erinnere mich, wie ich vor zwei Jahren in der auch historisch imposanten San Juán de Uluá Festung die Ode an die Freude sang. Die Akustik dort ist hinreißend. Geh mal hin mit Deiner mexikanischen Familie – Du wirst der Star des Abends 🙂

    Viele Grüße
    Silke

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