Offener Kooperativismus! Was ist das?

Hier veröffentliche ich die Langfassung meines Beitrags zu dem Band: Die Welt Reparieren der soeben auf die NDR/SZ Sachbuchliste März 2017 gesetzt wurde. Darin erkläre ich die Idee des „Offenen Kooperativismus“ und auch ein bisschen, wie Faircoin funktioniert. 

Longread 🙂

Offenheit organisieren – Beobachtungen zur Entwicklung eines neuen offenen Kooperativismus

Silke Helfrich, Commons Strategies Group

Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Die Idee

Open Source Software. Die besten Helfer für jeden Zweck“, überschreibt eine populäre Computerzeitschrift im Sommer 20151 einen Artikel und wirft so ein Schlaglicht auf die enorme Verbreitung von Open Source Software. In diesem Zeitschriftenbeitrag wird festgestellt, dass es keiner „‘Kauf-Software‘ [bedarf], um vernünftig mit dem PC zu arbeiten.“ Tatsächlich meinen immer mehr Entwickler und Nutzer von Software, dass Computerprogramme und andere Nutzerumgebungen nicht zur Ware werden dürfen, sondern ähnlich wie Boden und Wasser als Allmende betrachtet und bewirtschaftet werden sollten.

Die Open Source Community vertritt die Auffassung: Nur wenn Software nicht behandelt wird wie individuelles Eigentum und eine Ware, nur wenn sie offen gehalten und geteilt wird, kann sie von allen weiterentwickelt werden und auf diese Weise den größten Nutzen für alle entfalten. Analog dazu gilt: Nur wenn die Nutzungsrechte an natürlichen Ressourcen nicht nach dem Prinzip „ein Euro – ein Anteil“ verteilt werden, ist so etwas wie Ressourcengerechtigkeit überhaupt denkbar. Es geht also darum, grundsätzlich anders zu produzieren und den Zugriff auf das, womit wir produzieren, von vornherein fair zu teilen, statt die Produkte nachträglich zuzuteilen.

Während Open Source Software seit einem Vierteljahrhundert die Welt erobert, treibt sie auch die Open-Source-Everything-Debatte an. Alles kann neu, alles kann offen gedacht werden. Selbst Open-Source-Saatgut wird heute von Landwirt_innen – als Gegenbewegung bzw. als Antwort auf die zunehmende Patentierung von Saatgut durch große Agrarkonzerne wie Monsanto – als Rechtskonzept erwogen, obwohl Saatgut seit Menschengedenken Open Source war. Fakt ist: An beiden Polen des Spektrums überschlagen sich die technischen und die konzeptuellen Innovationen. Das gegenwärtig diskutierte Konzept des Open Cooperativism liefert dafür einen weiteren Beleg.

Welches Potenzial birgt dieser Begriff, der auf den ersten Blick einen Widerspruch zu beinhalten scheint, zwischen „prinzipieller Offenheit“ einerseits (wie in quelloffener Software, die jeder Person zugänglich ist) und „organisatorisch begrenztem Kooperativismus“ (wie in mitgliedschaftsbasierten Genossenschaften) andererseits? Lässt sich das zusammenfügen? Die „Open Cooperativists“ sagen „ja“. Sie suchen tatsächlich Möglichkeiten des Zusammenschlusses zwischen den in die Jahre gekommenen Genossenschaften und Kooperativen2 und den jüngeren Peer to Peer/Commons-Ansätzen. Es geht ihnen um ein Genossenschaftswesen, das auf freiem Wissen beruht und in dem sich das institutionelle Können der Genossenschaften/Kooperativen3 sowie deren Finanzkraft mit der explosiven Kraft digitaler Technologien und offener Netzwerke verbindet“ (Conaty/Bollier 2014:3).4

Solch ein Zusammenschluss sei nach Ansicht der Protagonisten auch deshalb nötig, weil Commons- und Open-Source-Projekte oft nur schwer dauerhaft aufrechtzuerhalten sind, wenn die Finanzierung ungeklärt ist, und sie sich deshalb nicht selten zu klassischen Kommerzialisierungsmustern gezwungen sehen. Die Hoffnung ist, dass der wirtschaftlich stärkere Genossenschaftssektor sie inspiriert, sich der Unterwerfung unter die Logik des und Disziplinierung durch das Kapital zu entziehen“ (Conaty/Bollier 2014: 4).

Der Anspruch

Als der Internetbibliothekar (neudeutsch Cybrarian) Josef Davies-Coates, mit den Themen Nachhaltigkeit und online-Innovationen gleichermaßen vertraut, im Jahre 2002 United Diversity Commons gründete, schwebte ihm zunächst ein „mitgliedereigenes und von den Beteiligten selbst verwaltetes Netzwerk zum gegenseitigen Vorteil“ vor. Inzwischen spricht Davies-Coates von einer „transparenten, demokratischen und dezentralen Organisationsmöglichkeit für alle“ (Davies-Coates, 2014, eigene Herv.). Der Anspruch ist gewachsen. Es geht um mehr, nicht weniger Offenheit. Es geht um eine Welt und Produktionswirklichkeit, in der alle an den Entscheidungen beteiligt sind, die sie direkt betreffen. Es ist eine Art Entgrenzung der Genossenschaftsidee. Der Gedanke ist nicht neu, doch im realen Leben der Repräsentation und Delegation wird es mühsam sein, ihn zu verwirklichen. Allerdings tragen Werkzeuge zur Entscheidungsfindung im Netz dazu bei, das zu verändern. So ermöglichen frei zugängliche Plattformen schon jetzt komplexe und am Grundgedanken des systemischen Konsensierens orientierte Entscheidungsprozesse über Distanzen hinweg. Solche Plattformen haben sich im vergangenen Jahrzehnt rasant entwickelt. Loomio, ein benutzerfreundliches Online-Tool für die kollektive Entscheidungsfindung und selbst eine „Open Cooperative“, ist dafür ein gutes Beispiel.

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Während auf der Suche nach Konsens gewöhnlich um größtmögliche Zustimmung zu einer Sache gerungen wird, fragt das systemische Konsensieren nach der größten Ablehnung bzw. dem größten Widerstand. Das gibt Zweifeln mehr Raum. Übrig bleibt die Möglichkeit, die den geringsten Widerstand erfährt und nicht die, die die meiste Zustimmung findet. Dabei wird nicht nur eine Möglichkeit bewertet, sondern alle Beteiligten bewerten alle existierenden Möglichkeiten.

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Hierzulande hat der Gesetzgeber diesen Entwicklungen bereits 2006 Rechnung getragen, als mit § 43 Abs. 7 des Genossenschaftsgesetzes die virtuelle Generalversammlung erlaubt wurde. Scheint die Zeit der Open Co-ops gekommen? Und was bedeutet das jenseits der Tatsache, dass sich nun auch Genossenschaftler wie nerds organisieren können: online!?

Es erscheint zunächst sinnvoll, an den Begriff der Peer-to-Peer Produktion beziehungsweise an die commons-orientierte/basierte Peer Produktion zu erinnern (vgl. den Beitrag von Christian Siefkes in diesem Buch). Sie wurde von Juraprofessor Yochai Benkler in The Wealth of Networks (Benkler 2006) erstmals systematisch beschrieben. Benkler bezog sich dabei vor allem auf Phänomene der Code-, Design-, Ideen- und Kulturproduktion. Doch inzwischen wird gefragt: Kann man auch Städte bauen wie die Wikipedia? Möbel, Lastenräder, Traktoren, Autos oder Hochleistungs-Mikroskope? Kurz: alles? Genau davon gehen einige Open Cooperativists aus. Sie wollen die Herstellung materieller Güter, die stets hochgradig wissensbasiert ist, kooperativ und offen zugleich denken: Offen im Umgang mit Wissen. Kooperativ sowohl innerhalb als auch zwischen den Projekten, um so inmitten der Strukturen und Zwänge der kapitalistischen Marktwirtschaft besser zu bestehen. Der Anspruch ist, ein „offenes Genossenschaftswesen“ so zu organisieren, dass die Beteiligten auch heute schon davon leben können, obwohl sie Commons und keine Waren herstellen.

Die Herausforderung

Das ist herausfordernd, zumal das klassische, mitgliederbasierte Genossenschafts-/Kooperativenmodell in mehrfacher Hinsicht an seine Grenzen kommt. Rein zahlenmäßig erlebte es – im Wechsel der Zeiten – zwar einen bemerkenswerten Aufschwung, doch der bereits seit den 1920er Jahren bestehende Zwist zwischen Produktiv- und Konsumgenossenschaften hat längst einige ursprüngliche Prinzipien vom Tisch gefegt.5 Außerdem sind Genossenschaften so stark mit der Mainstream-Wirtschaft verknüpft, dass sie von deren Krisen stark in Mitleidenschaft gezogen werden.

Michel Bauwens, Gründer der Peer-to-Peer Foundation und prominenter Vordenker zu Peer-to-Peer Produktion und Peer-to-Peer Governance weist auf weitere Probleme hin: Zwar sind Genossenschaften lohngerechter und weniger hierarchisch organisiert als ihre kapitalistischen Counterparts, doch produzieren auch sie in der Regel für den kapitalistischen Markt, was es schwer macht, sich der Wettbewerbsmentalität zu entziehen. Auf dem Markt gilt es zu bestehen! Anders ausgedrückt: Da auch Genossenschaften üblicherweise ihre Waren verkaufen müssen, entwickeln sie sich nicht selten selbst marktförmig. Sie treten im Ergebnis nicht nur zueinander, sondern auch zu allen anderen Marktteilnehmern in Konkurrenz. Zudem sind Genossenschaften in erster Linie ihrer Mitgliedschaft und nicht der Allgemeinheit verpflichtet; sie nutzen nicht selten – in einer Art Wissensallmendevergessenheit – Patente oder das klassische Urheberrecht und behandeln, ähnlich wie in einem „normalen“ Unternehmen, die Arbeitskraft letztlich als Ware, wenngleich mit Fair-Treat Anspruch.

Dem stehen folgende Prinzipien der Commons bzw. der Commons-schaffenden-Peer-Produktion von Wissen, Code, Information und Design, aber auch von Hardware und Materiellem gegenüber:

    • Arbeitsleistung wird freiwillig beigetragen.

    • Wissen wird geteilt bzw. mit freilassenden Nutzungslizenzen versehen.

    • Es werden vorwiegend Commons, nicht Waren produziert.

    • Diese Commons stehen allen zur Verfügung.6

Die Herausforderung wird sein, die reichhaltigen Erfahrungen kooperativer Produktionsstrukturen mit diesen Commons-Prinzipien so zu verschränken, dass sich beides entfaltet: Das freie Wissen und die solidarische Produktion.

Die Vision

coopererativism

Langfristig geht es um Dreierlei: 1) Unabhängigkeit von konventionellen Finanzierungsmodellen und Zwischenhändlern, 2) neue Commons, die in einem commons-freundlicheren Kontext entstehen können, um 3) die offen-kooperative Herstellung von allem, was zum Leben gebraucht wird – sei es Kartoffeln, Wissen oder Strom. All dies kann über verteilte und nutzerkontrollierte Netze zwischen den Projekten selbst ausgetauscht werden, während etwa blockchain basierte Kommunikationsformen die Transaktionen koordinieren und absichern.7 Derlei Verknüpfungen, so die Erwartung der Open Cooperativists, stärken das Do-it-Together auf lokaler Ebene und machen kooperative und P2P Strukturen von marktwirtschaftlichen Zwängen unabhängiger.

Michel Bauwens betont zudem, dass Open Cooperatives in ein globales Netz von Gleichgesinnten eingebunden sein müssen, so dass der Community Land Trust in der Provence seine Ähnlichkeit mit dem FabLab in Sydney erkennt und letztlich Strukturen entstehen können, die sich gegenseitig tragen und refinanzieren. Die Vision ist, …eine größere Bewegung […], die auf den Prinzipien des Open Cooperativism beruht, der […] die institutionellen Innovationen und Finanzierungsformen von Genossenschaften aufgreift und mit der Kraft offener Netzwerke sowie der Open Source Ethik verbindet und dabei […] dem Gemeinwohl verpflichtet bleibt“ (Conaty/Bollier 2014: 21).

Der Weg

Aus der Sicht von Peer-to-Peer Denkern wie Michel Bauwens müssten die Genossenschaften der Zukunft folgende Kriterien erfüllen:

  1. Sie sind nicht am Gewinn bzw. Nutzen für ihre Mitglieder ausgerichtet, sondern satzungsgemäß am Nutzen für die Allgemeinheit.

  2. Sie produzieren explizit Commons, zu denen der Zugang nicht von der Verfügung über Geld abhängt.

  3. Sie ermöglichen allen Beteiligten eine Mitgliedschaft und allen Mitgliedern eine direkte Beteiligung an der Projektsteuerung (was das Konzept der Mitgliedschaft verändert)8

  4. Sie vernetzen sich mit anderen Genossenschaften, regional und international, um den Austausch untereinander (vor allem von Wissen, Design, Bauplänen und Verfahren) voranzutreiben und damit zunehmend Marktunabhängigkeit zu erreichen.

So können auf globaler Ebene offene Design-Communitys entstehen, die – wie schon jetzt Open Source Ecology oder Farm Hack – das Produktionswissen für (Land-)Maschinen teilen und dadurch den Entwicklungsaufwand und die Entwicklungskosten für die Zukunft erheblich reduzieren. Der Informationsaustausch erfolgt in der Welt des Open Cooperativism nicht von oben nach unten, sondern zwischen Mikroeinheiten, die miteinander vernetzt sind und entsprechend den lokalen Bedingungen und Bedürfnissen vor Ort produzieren: „Teile global, was leicht ist. Stelle vor Ort her, was schwer ist“, beschreibt Bauwens das einfache Prinzip.

Die Bedingung

Doch dieses Teilen ist nicht ganz bedingungslos. Der Open-Cooperativism-Gedanke ist vielmehr, die Nutzungsrechte von Commonern und als Commons unter den gegenwärtigen Bedingungen einfacher und günstiger zu gestalten als jene von Unternehmen, die nicht zu den Commons beitragen. Anstatt solche Nutzungen also ganz zu verhindern, sollen sie der Refinanzierung der Commons-Produktion dienen. Salopp gesagt: Wer aus den Commons schöpfen will, ohne sie zu bereichern, wird für die Nutzung der Commons zahlen müssen. Dabei geht es weniger darum, dass dies wirklich geschieht (große Geldflüsse werden nicht erwartet, sie stehen nicht einmal im Zentrum des Konzepts); es geht vielmehr darum, die interne Vernetzung durch gegenseitige Nutzung zu stärken. Besagte Mikroeinheiten wären mehr als Verbindungsknoten in einem Netzwerk. Sie wären Teil eines globalen kooperativen Verbundes, in dem die Reichweite der Wirtschaft jenseits des Marktes vorstellbar wird.

Die Praxis

Der hier skizzierte Weg wird, um ein besonders ambitioniertes Beispiel zu nennen, seit 2013 von FairCoop verfolgt. FairCoop ist laut Selbstbeschreibung die erste offene und globale Kooperative, die sich ausschließlich außerhalb nationalstaatlicher Grenzen und Kontrollen über das Internet organisiert.“9

Sie wurde als selbstorganisiertes Netzwerk von und für kooperative Zusammenhänge konzipiert, in dem alle Beteiligten nicht nur mitbestimmen, sondern auch einem Anliegen verpflichtet sind: So zu wirken, dass Ungleichheit verringert und zugleich globaler Wohlstand geschaffen wird, indem mehr allgemein zugängliche Commons entstehen. Fair-Coop präzisiert die Bauwensche Kriterienliste. Das Netzwerk will Land und Produktionsmittel gemeinsam nutzen, Lebensmittel, Gesundheitsversorgung, Bildung, Energie, Transport oder Wohnraum selbstorganisiert, aber im Prinzip allen offen zugänglich produzieren und freien Zugang zur Information und wissen nicht nur gewährleisten, sondern den Austausch zwischen Open-Source-Manufacturing-Projekten explizit fördern.

Die systematische Ausweitung von Commons-Projekten wird hier vorgedacht und erprobt. In diesem Transformationsprozess kommt, nach Ansicht der FairCoop-Initiator_innen, dem Geld eine Schlüsselrolle zu. Deshalb haben sie eine globale Kryptowährung entwickelt, die – wenig überraschend – den Namen Faircoin trägt. Die Peer-to-Peer-Währung verdankt sich einer politischen Kritik an Bitcoin. Sie kann auf jedem Computer „geprägt“ werden und ist so gestaltet, dass Schöpfung und Nutzung der Währung selbst dazu beitragen, Ressourcen vom Markt in die Commons umzuverteilen (siehe Kasten) . FairCoin ist nur ein, wenngleich das wichtigste Instrument, mit denen FairCoop einer einfachen Logik folgt: Den Kapitalismus ausnutzen, um die Bewegung zu fördern. Nehmen, was bereits da ist und es neu kombinieren“ (Schneider 2015).

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Wie funktioniert Faircoin?

  • Zweck: FairCoin soll zur Umverteilung beitragen, Graswurzelorganisationen stärken und (die Kooperation zwischen) Commons finanzieren. Für Letzteres wurde eigens ein Fairfunds eingerichtet.

  • Erstausgabe: 50 Millionen Faircoins (FAC) im März 2014 durch einen “airdrop” an alle, die dies beantragt hatten (Grundidee: Verteilung nach Bedarf10)

  • Schöpfung: erfolgt nach Erstausgabe durch das so genannte Minting11. Jede Person kann minten, sofern sie über Zugang zu einem Computer verfügt und sich eine „virtuelle Geldbörse“ (wallet) eingerichtet hat.

  • Mint-Vorgang: Hierbei werden die Datenblöcke in der blockchain so lange mit Daten vervollständigt, bis ein Block „gefüllt“ ist. Ist er „gefüllt“, so ist die „Prägung“ abgeschlossen. Bei FairCoin hängt zudem – wie bei anderen Peer-to-Peer Währungen – die Neuschöpfung der „Münzen“12 von der Validierung einer Transaktion durch das Computernetzwerk ab und diese wiederum vom (digitalen) Nachweis, dass eine Person für mindestens 30 Tage einen gewissen Betrag gespart hat. Minten und sofort FairCoins ausgeben, funktioniert also nicht. Analog bei den…

  • Einnahmen: Auch diese müssen 30 Tage liegen bleiben, um mit ihnen „minten“ zu können. Sparen wird also belohnt. Die gesparten FairCoins machen letztlich den verfügbaren Pool an FairCoins aus.

  • Sicherheit & Kontrolle: Die Sparvorgänge tragen zur Sicherheit des Netzwerkes bei und verhindern fast vollständig, dass Einzelne oder mehrere die Geldschöpfung kontrollieren können.13

  • Proof of Stake: Das Minting-Verfahren beruht auf einem Konzept, das Proof of Stake (POS) genannt wird.14 Das Verfahren ermutigt zu Spareinlagen und trägt so zum Wachstum des Gesamtsystems bei. Es gilt zu fast 100 Prozent: Nur was gepoolt ist, kann zirkulieren.

  • Wallets: mit Hilfe dieser digitalen Geldbörsen kann gespart, eingenommen und – per Eingabe der Empfängeradresse – ausgegeben werden.

  • Nutzung: FairCoin wird derzeit als Währung von den an FairCoop Beteiligten genutzt.

  • Weitere Informationen und ergänzende Instrumente: https://fair-coin.org/

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Es würde also fortan kein logistischer Alptraum mehr sein, Abermillionen kleine und kleinste Investitionen zu tätigen und dennoch bürokratiefrei Transparenz zu garantieren. Wobei im Kern nicht die (Höhe der) „Investitionen“ das eigentlich Interessante sind, sondern der Prozess, wie die kleinen Inseln der Alternativen zu größeren, vernetzten Gebilden werden können.

Blockchain ist im Grunde nichts anderes als eine stets erweiterbare Datenbasis von miteinander verbundenen Datenpaketen. Diese Technologie wird Transaktionsprozesse revolutionieren. Mit oder ohne die Inseln der Alternativen! Denn bei Blockchain-Anwendungen tendieren die Transaktionskosten gen null und Verträge, wie wir sie kennen, werden überflüssig. Stattdessen fungiert jeder einzelne beteiligte Rechner als Notar, auch jener auf meinem Schreibtisch, schlicht indem er zur Verifizierung einer Transaktion ein Quäntchen (ein paar Datenpakete) beiträgt.15 Die Frage ist also: Zu welchem Zweck wird die Blockchain-Technologie genutzt? Für einen noch schnelleren und noch atomisierteren Kapitalismus oder für die Zwecke, denen FairCoop verpflichtet ist?16 Wobei sicherzustellen ist, dass das, was zu den Commons beigetragen oder als Commons produziert wurde, auch Commons bleibt.

Der Schutz

Denn klar ist eines: Commons brauchen Schutz. Wie dieser aussehen kann, ist umstritten und kann nicht verbindlich vorgeschrieben werden. Rezepte gibt es nicht, vielmehr sind geeignete Instrumente jedes Mal neu und kontextbezogen auszuwählen oder selbst zu entwickeln. Derzeit werden zum Beispiel Rechtsinstrumente geschaffen, wie die von der P2P Foundation vorgeschlagenen so genannten Reziprozitätslizenzen. Eine ihrer Anwendungen, die Peer Production License, ist bereits in Umlauf. Sie erlaubt, wie andere Reziprozitätslizenzen auch:

  1. die nicht-kommerzielle Nutzung durch die Allgemeinheit,

  2. die institutionelle Nutzung für das Gemeinwohl,

  3. die Nutzung durch gewinnorientierte Unternehmen, die ihrerseits zu den Commons beitragen. Tun sie dies hingegen nicht, sind Nutzungsgebühren zu zahlen17, die der Ko-Produktion von Commons zur Verfügung stünden.

Dabei geht es, wie bereits angemerkt, weniger um die Erwartung, Einnahmen zu erzielen, als vielmehr darum, nach Wegen zu suchen, um mittelfristig die Spielregeln zu ändern.

Eine weitere Idee ist, Baupläne markenrechtlich so zu schützen, dass eine freie Nutzung nur erlaubt ist, wenn der Gegenstand mit oder durch die Akteure im Sinne der P2P Produktion selbst hergestellt wurde. Der Software Entwickler und Autor des Telecommunist Manifesto Dmytri Kleiner spricht in diesem Zusammenhang von Transvestitionen statt Investitionen. Ob dies eine vielversprechende Spur und mit dem existierenden Rechtsrahmen vereinbar ist, bleibt abzuwarten.

Und schließlich sollen gemeinsame Finanzierungsfonds für materielle Commons die Flucht in die Kommerzialisierung verhindern helfen und schützen, was kooperativ wachsen will. Wie unter den gegenwärtigen Bedingungen Finanzierungen aussehen, die nicht auf den Markt abzielen und sogleich von ihm strukturell unabhängig bleiben wollen, ist dabei eine viel diskutierte Frage18

Die Institutionalisierung

so wie jene der Institutionalisierung. Der Kommunitarismusexperte Henry Tam bescheinigt der noch in den Kinderschuhen steckenden Bewegung eine Leerstelle. Ihr fehle „das Äquivalent zum CERN Beschleuniger“ (Tam 2014), etwas, das den existierenden Bemühungen einen größeren Impuls gäbe, sie energetisch „auf eine ganz neue Ebene“ heben, „hyper-produktiv, hyper-wettbewerbsfähig und hyper-kooperativ“ machen würde (ebd.). Tam schlägt deshalb die Gründung einer Open Coop Entwicklungsagentur (Open Coop Development Agency) vor, die aus Open Coops und unterstützenden Institutionen bestehen sollte.19 Angesichts der zunehmenden Kritik an konventionellen Wachstumsstrategien, der aktuellen politischen Unterstützung für Projekte der Solidarischen Ökonomie etwa in Spanien, Italien oder Griechenland, der Neugründung zahlreicher Community Land Trusts oder Transition Towns, seien die Bedingungen günstig. Schließlich würden sie alle die Prinzipien von Gegenseitigkeit, geteilter Macht und gemeinsamer Verantwortung für gemeinsame Ressourcen zum Kern ihrer Bemühungen machen. Die Konvivialismusforscherin Andrea Vetter wünscht sich „einen Praxis-Guide zu Open
Source Cooperativism
20“ und verweist damit auf eine Leerstelle, die sicher bald von den Open Cooperativists in bewährt offen-kooperativer Weise geschlossen wird.

Der Ausblick

Ob es nun beim Szenario der erwähnten Computerzeitschrift bleibt, die das Offene im „Open Cooperativism“ darauf reduziert, dass uns alle erdenklichen „besten Helfer für jeden Zweck“ quasi kostenlos zur Verfügung stehen, oder ob die Bewegung tatsächlich eine andere Ebene erreichen kann, ist zwar nicht absehbar, aber stark zu hoffen und zu fördern. Es wird davon abhängen, ob die Idee der Offenheit (im Sinne des freien Wissens) mit den Prinzipien der Kooperation systematisch verknüpft werden kann. Es wird davon abhängen, ob es gelingt, möglichst bürokratiefreie Strukturen und Transaktionsformen zu schaffen, die es leichter machen, Verantwortung nicht nur für meine jeweilige Genossenschaft und ihre Mitgliedschaft zu übernehmen, sondern auch für alle anderem, die an solch einem „Commons-Produktions-Netzwerk-auf-Gegenseitigkeit“ beteiligt sind. Und davon, ob die „nerds“ und die „Genossenschaftler*innen“ tatsächlich in neuen organisatorischen und medialen Formen zusammenkommen. Ob sie lernen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Miteinander. Es wird auch davon abhängen, ob es tatsächlich freie Experimentierräume für hybride Rechtsformen geben wird sowie Mittel für weitere Forschung und Erprobung.

Wenn die Ideen der solidarischen Produktion und der commons-basierten P2P Produktion nicht verteidigungslos dem Markt überlassen werden sollen, dann wäre es sinnvoll, sich zusammenzutun. Ob dies geschieht, hängt wiederum entscheidend davon ab, ob sich immer mehr Menschen ein commons-basiertes dezentralisiertes Wirtschaftssystem überhaupt vorstellen können. Ein System, in dem sich unzählige Keimformen einer Ökonomie des Gemeinsamen gegenseitig unterstützen und nähren.

Davies-Coates zumindest kann sich das vorstellen. Er glaubt, dass „[b]ald alle in der Lage sein werden, eine Open Co-Op auf die Beine zu stellen und alle Beteiligten einladen können, sie online zu finanzieren, zu steuern und zu organisieren“ (2014).

UPDATE NACH REDAKTIONSSCHLUSS:

Jüngst kursiert übrigens ein weiterer Begriff in Annäherung an das hier beschriebene Phänomen: Platform Cooperativism. Im Februar 2016 veröffentlichte das New Yorker Büro der Rosa Luxemburg Stiftung einen gleichnamigen Bericht von Trebor Scholz – politisch klug eingebettet in die kontroverse Diskussion um Uber und AirBnB. Scholz bespricht zunächst die Defizite der businessorientierten „Shareconomy“, die keine Ökonomie des Teilens ist, sondern vielmehr eine Dienstleistungswirtschaft auf Abruf, in der sich jedermensch in neoliberaler Manier „frei entscheiden“ könne, ob er Uber-Taxifahrer wird oder nicht.

Doch so wie es einen Unterschied zwischen Facebook und Diaspora gibt, so gibt es auch einen Unterschied zwischen Uber und tatsächlichem P2P Car-Sharing, zwischen Amazon und Booklooker beziehungsweise zwischen Plattform Corporativism und Platform Cooperativism.

Strategisch sind drei Zugänge wichtig:

  1. das technische Herz der von Konzernen kontrollierten Plattformen klonen

  2. commons-verträgliche Eigentums- und Managementformen kooperativer Plattformen entwickeln

  3. Innovation und Effizienz aus der Perspektive des Gemeinwohls und des Nutzens für alle neu denken.

Plattform-Kooperativismus: Das bedeutet verteilte Kontrolle sowie diskriminierungsfreier Zugang zu technologischen Plattformen, Infrastrukturen und Räumen. Es bedeutet, das Prinzip ‚wer mehr zahlt, darf mehr nutzen‘ außer Kraft zu setzen. Es ist nichts anderes als der Gedanke der Netzneutralität in der digitalen Welt, nur im richtigen Lebens!

Literatur

Bauwens, Michel und Vasilis Kostakis (2014): From the Communism of Capital to Capital for the Commons: Towards an Open Co-operativism. Triple C, Vol 12, No 1/2014, URL = http://www.triple-c.at/index.php/tripleC/article/view/561

Benkler, Yochai (2006): The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom, Yale University Press.

Conaty, Pat und David Bollier (2014): Towards an Open Co-Operativism. A New Social Economy Based on Open Platforms, Co-Operative Models and the Commons, Bericht eines Commons Strategies Group Workshop in Berlin vom 27./28. August 2014. https://www.boell.de/sites/default/files/open_co-operativism_report_january2015.pdf

Davies-Coates, Josef (2014): Open Co-ops Inspiration Legal Structures and Tools. In: Stirtoaction, Blog: http://stirtoaction.com/open-co-ops-inspiration-legal-structures-and-tools/,

Schneider, Nathan (2015): On the Lam with Bank Robber Enric Duran, Reportage für Vice Media LLC, 7.4.2015, http://www.vice.com/read/be-the-bank-you-want-to-see-in-the-world-0000626-v22n4

Tam, Henry (2014): Open Coop Development Agency, http://commonstransition.org/open-coop-development-agency/

Trebor, Scholz (2016), Rosa Luxemburg Stiftung, NY /Hg.): Platform Cooperativism. Challenging the Corporate Sharing Economy, http://www.rosalux-nyc.org/wp-content/files_mf/scholz_platformcooperativism21.pdf

Fußnoten

2Weltweit sind mehr als 1 Milliarde Menschen (sic!) in 2,6 Millionen Genossenschaften bzw. Kooperativen organisiert, die geschätzte 2,98 Milliarden USD Jahresertrag erwirtschaften. Wäre dies eine Nationalökonomie, so handelte es sich um die fünftgrößte der Welt. Ein dieser zahlenmäßigen Stärke entsprechender Transformationsimpuls blieb jedoch aus, ebenso die institutionellen Innovationen (Conaty/Bollier 2014:3).

3Ich verwende hier beide Begriffe synonym, was insofern nicht ganz korrekt ist, als sich in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Praktiken und Rechtsformen mit diesen Begriffen verbinden.

4„… blending the institutional and financial know-how of co-operatives with the explosive power of digital technologies and open networks.“

5Heute dürfen Genossenschaften Dividenden ausschütten und Vertreter- statt Vollversammlungen sind an der Tagesordnung. So kann beispielsweise in einer Mieter_innengenossenschaften der Vorstand letztlich eigenmächtig entscheiden.

6Siehe dazu ausführlicher den Beitrag von Christian Siefkes in diesem Buch.

7Die „blockchain“ ist wie eine Perlenkette, die durch die Rechenleistung verschiedener Computer aufgefädelt wird und damit im Grunde fälschungssichere Belege für Transaktionen zwischen Computern produziert, da sie jede Veränderung genau erfasst und dezentral auf vielen Rechnern verteilt speichert. Blockchain-basierte Plattformen machen zentrale Kontrollinstanzen überflüssig.

8Henry Tam (2014) skizziert eine aus verschiedenen Teilhabergruppen bestehende Mitgliedschaft, die gemeinsam materielle und immaterielle Commons produziert und deren Beteiligungsrechte gleichermaßen gewährt sind.

9https://fair.coop/de/impressum/, Zugriff am 27.November 2015.

10Auf Grund des geringen Bekanntheitsgrades und der geringen Reichweite des Projekts zum Zeitpunkt des airdrops hatte dies jedoch eher symbolischen Charakter.

11Im Unterschied zum extrem energieintensiven Mining wie etwa bei Bitcoin.

12De facto handelt es sich um eine Art digitale Unterschrift oder Spur. Die Münzen existieren nicht real.

13Mehr zum Minting gibt es hier: http://peercoin.net/minting .

14Genauer: 99.99% POS. Kein Geldschöpfungssystem beruht zu 100% auf diesem Konzept. Die restlichen 0,01% entstehen durch Mining (wie bei Bitcoin) und werden sehr niedrig, mit 0.001FAC pro block belohnt.

15Was selbstredend die Frage auf wirft, ob der Abschluss sozialer Vereinbarungen – wie Kauf und Verkauf – tatsächlich Algorithmen überlassen werden sollte und was das für menschliche Freiheit bedeutet.

16In der Literatur werden weitere Beispiele genannt, etwa Las Indias oder das Netzwerk Sensorica.

17Ein Verfahren, dies festzustellen und zu kontrollieren ist, kann nur von den betreffenden Commons-Communities entwickelt werden.

18Crowdfunding ist hier gewiss eines der wichtigsten Stichworte.

19Die Aufgaben einer solchen Agentur sind hier skizziert: http://commonstransition.org/open-coop-development-agency/#sthash.IRGtKuSL.dpuf.

20Korrespondenz mit der Autorin vom 24.Februar 2016.

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