Commons aufbauen ist mehr als Tomaten retten

Ein Beitrag aus dem Contraste Schwerpunkt Juli/August 2017:

In einer versachlichten Welt treten mitmenschliche Prozesse, die unser Leben in hohem Maße ausmachen, in den Hintergrund. Menschen, die sich auf Augenhöhe selbst organisieren, wollen genau das verändern. Für sie rücken selbst gestaltete soziale Prozesse in den Mittelpunkt. Eine Gruppe, die das versucht, sind die Tomatenretter aus Hamburg. Kein leichtes Unterfangen, wie sich bei der Kommunikation mit den Fördermitgliedern herausstellte.

von Hilmar Kunath, Hamburg

Die Tomatenretter bauen jedes Jahr selbst Tomaten an und geben diese überwiegend an etwa 100 Fördermitglieder ab. Den gesamten Überschuss bekommt demnächst die gerade entstehende Stadt-Land-Food-Coop. Kaufen kann man bei den Tomatenrettern fast nichts mehr. Wer noch Teil dieses Netzwerkes werden möchte, kann sich eine kleine Probiermenge auf dem Hof abholen. Außerdem hat das Team in den letzten gut zwei Jahren am ›Leitseil‹ der Pflanzenpflege im Alltag erfahren, was es bedeutet, gemeinsam genau das miteinander zu tun, was die einzelnen gerne tun wollen. Es ist ein neuer Erfahrungsbereich jenseits von Waren, Geld, Kapital und Erwerbsarbeit entstanden.

Tomaten Retten

Die Stadt–Land–Food–Coop

Im letzten Sommer waren die Fördermitglieder der Tomatenretter vom Team gebeten worden, nach der jeweiligen Ernte bei der Tomatenverteilung an den Ständen in der Stadt zu helfen. Es kam kaum jemand. Das Team war mehrfach belastet durch Tomatenpflege, Verteilung, Saatgut-Entnahmen und Gemüseanbau zur Selbstversorgung. Der Spaß drohte sich zu verflüchtigen. Ein Grund für die mangelnde Unterstützung lag wohl an der Ansprache der Fördermitglieder durch das Team. Bei den Fördermitgliedern war teilweise der Eindruck entstanden, das Team bediene aus purer Lust möglichst viele von ihnen mit bunten, leckeren super biologischen Tomaten jeweils zum halben Marktpreis und erledige für sie gerne alle dafür nötigen Arbeiten neben ihrer Erwerbsarbeit.

Dem Team ging allmählich auf, dass das auf Dauer nicht gut gehen würde. Sie wollten schließlich mehr mit Leuten als für Leute Neues schaffen. Es entwickelte sich eine Vorstellung davon, dass sie ProduzentInnen und KonsumentInnen gleichberechtigt in einem ›Club‹ zusammenbringen wollten. Als im Februar 2017 klar wurde, dass eine reichliche Ernte von ihrer kleinen Finca in Spanien (in der ebenfalls viel ›Arbeit‹ steckte) zu erwarten war, wählte das Team eine aktivistischere Ansprache. Es lud zu einer ersten Südfrüchte-Verteilung ein und versuchte deutlich zu machen, dass diese Früchte dauerhaft nur solche Leute bekommen sollten, die mindestens zwei Wochenstunden bei der Verteilung oder an anderer Stelle im Gesamtprozess mitwirken würden.

Tomatenretter Ernte

Der leckere Anfang!(https://www.tomatenretter.de/).

Die Südfrüchte waren ein leckerer Anfang. Später sollen sie eine Ergänzung im Winterhalbjahr sein. Der Zukauf soll begrenzt bleiben. Schwerpunkt der gemeinsam aufzubauenden sozialen Struktur soll künftig die Produktion und Verteilung von regional erzeugten Produkten sein. Es fanden sich einige Leute, die seither mitwirken, weitere Lieferungen aus der Region um Hamburg, zu organisieren und zu verteilen. Eine AG »Beschaffung« sucht gerade emsig nach (Klein-)ProduzentInnen, die bereit sind, das Solidar-Netzwerk zu beliefern, statt den herkömmlichen Markt. Eine andere AG arbeitet an einer Software, die es nicht nur direkten Produzent-Innen sondern auch KleingärtnerInnen ermöglichen soll, ihre Überschüsse ins Solidar-Netzwerk zu geben: »Teile, was du kannst!«

Commoning in Aktion

Auf ihrem Weg, ProduzentInnen und KonsumentInnen kreativ-selbstbestimmt zusammen zu bringen, ist zu beobachten, dass sich unter den wirklich Aktiven ein intensives Gesprächsgeflecht entwickelt. Als Tomatenretter sprechen sie bei ihrer ›Nicht-Arbeit‹ immer wieder einzeln oder in kleinen Gruppen miteinander über ihre Tätigkeiten und über alles Mögliche. Teilweise hat sich diese Gesprächs-Intensität bereits auf die neue Food-Coop ausgebreitet.

Als ein Bauer ihnen zeitweise einen Acker zum Kaufen anbot und dies nach zwei Wochen wieder zurückzog, haben sich die Coop-Mitglieder intensiver darüber verständigt, was sie unter ›Land freikaufen‹ verstehen wollen. Um wenig Kosten in der Warenwelt zu machen, hatten sich die Tomatenretter bisher mit Pachten begnügt. Hier stand nun ein Kauf von sofort biologisch bebaubarem Land in Aussicht. Die Interessierten verständigten sich darüber, dass sie das Land nicht persönlich besitzen wollten. Vielmehr wollen sie eine inhaltlich-gemeinnützige Trägerschaft mit aufbauen und dann (u.a. mit Teilgruppen der neuen Coop) ein lebenslanges Nutzungsrecht anstreben: »Besitz statt Eigentum«. Ein zu gründendes Acker-Syndikat als Teil des Mietshäuser-Syndikats könnte in solchen Fällen helfen.

Commoning als zentrale Kategorie von Commons

Zur besseren Einordnung der Commoning-Diskussion geben wir hier zwei Abschnitte aus dem gerade in Arbeit befindlichen (Anm: inzwischen online) Wikipedia-Stichwort zu Commons wieder:

»There is no commons without commoning« – dieser dem Historiker Peter Linebaugh zugeschriebene Satz (Habermann 2016, 25) fasst den auf Praktiken und Prozesse fokussierenden Commons-Zugang zusammen. Die Unterscheidung, ob etwas ein Commons ist, wird hier nicht basierend auf den qualitativen Eigenschaften einer Ressource getroffen. Das entscheidende Kriterium wird vielmehr in den Praktiken und Prozessen gesehen, mit denen sich die Beteiligten auf die Ressource beziehen (vgl. DeAngelis 2007, 243; Helfrich 2012, 90; Mattei 2013). Wasser kann als Ware in Flaschen abgefüllt und verkauft werden oder es kann als Commons genutzt, gepflegt und verwaltet werden (Euler 2016, 96). Commons werden demnach durch Commoning hergestellt. Dieser Fokus auf Praktiken ermöglicht eine Betrachtungsweise, die die Kontextabhängigkeit (Niewöhner 2012, 32) von Commons berücksichtigt. Linebaugh (2008, 279) geht einen Schritt weiter und schlägt vor, statt von Commons als Substantiv von Commoning als Verb zu sprechen: […].

Selbstorganisation

Selbstorganisation ist zentraler Bestandteil von Commons-Praktiken (Commoning). Sie bezeichnet in diesem Kontext die Möglichkeit und tatsächliche Praxis der beteiligten Akteure, jene Regeln und Ziele zu definieren und zu implementieren, die Commons hervorbringen bzw. erhalten. Ähnlich wie in der Systemtheorie und den Wirtschaftswissenschaften (z.B. Friedrich August von Hayek), geht es in der Selbstorganisation um die Erzeugung und Selbst(re)produktion (Autopoiesis) von sozialen Systemen bzw. Organisationen und Institutionen. Doch in starkem Kontrast zu Systemtheorie und Ökonomik findet Selbstorganisation bei Commons nicht einfach »spontan« statt, sondern vor allem durch das bewusste Handeln der jeweiligen Akteurinnen und Akteure.

Im Gegensatz zur Partizipation geht es bei der Selbstorganisation nicht darum, sich an etwas Vorgefertigtem zu beteiligen, sondern das Handeln selbstermächtigend weitgehend autonom zu gestalten (Euler und Helfrich 2017). Die französischen Wissenschaftler Pierre Dardot (Philosoph) und Christian Laval (Soziologe) bezeichnen diesen Prozess als schöpferische, instituierende Praxis (Dardot und Laval 2015: 429-51). Damit geht Selbstorganisation auch über den in der Rechtswissenschaft vertretenen Begriff der Selbstverwaltung hinaus, da nicht vorwiegend das administrative Management von bestehenden Organisationen gemeint ist, sondern der Aufbau, die Ausgestaltung, der Erhalt und die Veränderung der Organisation selbst. Die Idee der Selbstorganisation liegt nahe an dem, was unter kollektiver Selbstverwaltung verstanden wird.

Der Commonsforscher Stefan Meretz hebt hervor, dass die Selbstorganisation Bedingungen braucht, um zu gelingen (2012a, 62). Zentral seien Selbstbestimmung und empfundene Fairness. Selbstorganisation könne insbesondere dann scheitern, wenn sich fremde Logiken in das Commoning einschleichen. Werden etwa Resultate oder Ressourcen abstrakt gleich verteilt, ohne die unterschiedlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen, dann kehre sich formale Gerechtigkeit in empfundene Unfairness um:

»Sobald Fairness nicht beachtet wird, besteht die Gefahr, dass sich individuelle Strategien der Nutzenmaximierung durchsetzen. Dann bricht das Marktdenken in die Commons ein« (ebd., 63).

Tomatenretter

Das achtköpfige Team der Tomatenretter / Selbstversorger baut ein öffentlich zugängliches Saatgutarchiv für Tomatensamen mit alten, samenfesten Sorten auf. Ihr vorrangiges Ziel ist es, Tomatensaatgut für den persönlichen Bedarf gegen Spende nach Selbsteinschätzung, das heißt, ohne direkte Marktmechanismen, zugänglich zu machen und vor global handelnden Saatgutkonzernen zu ›retten‹. Dabei ist ihnen eine Vernetzung mit ähnlichen Initiativen wie der Saatgutkampagne, Arche Noah und mit vielen Einzelpersonen im Land wichtig. Eine solche Praxis kann dazu beitragen, sich Schritt für Schritt abzustoßen von der zunehmend die gesamte Herstellung und Nutzung von Saatgut beherrschenden Stellung dieser Konzerne.

Schon viele Interessierte haben Tütchen mit Saatgut oder Jungpflanzen von den Tomatenrettern erhalten. Alle sind gebeten, die Saat selbst auszusäen, dann aus den Früchten neue Saat zu entnehmen. Wie das geht, kann man von den Tomatenrettern vor Ort oder im Internet lernen und das Saatgut im Bekanntenkreis weiter verbreiten. Viele haben schon die Samen und/oder die Informationen gestreut. Das Team regt an, Ähnliches in anderen Regionen in Zusammenarbeit miteinander zu beginnen.

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Mehr Infos gibt es hier und auf der Website der Tomatenretter.

Alle Artikel dieses Contraste-Schwerpunktes gibt es hier.

 

2 Gedanken zu „Commons aufbauen ist mehr als Tomaten retten

  1. Pingback: Commons in Contraste | CommonsBlog

  2. Pingback: Contraste: »Beitragen statt Tauschen« — keimform.de

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