Care Commons. Beziehungen unterstützen

Ein Beitrag aus dem Constraste Schwerpunkt Juli/August 2017:

Eine Wirtschaft soll rund um die Menschen und menschliche Beziehungen aufgebaut sein; vielleicht insbesondere rund um jene Bereiche, wo wir Menschen besonders auf die Unterstützung und die Fürsorge durch andere Menschen angewiesen sind: Inwieweit können Commons eine solche Orientierung unterstützen?

von NICOLE LIEGER, WIEN

Care – das Für-Einander-Sorgen, wo Menschen sich um andere Menschen kümmern, ist ein zentraler Bereich unseres Lebens und unseres Wohlergehens. Wir könnten es auch als einen Kern unserer Wirtschaft betrachten, als einen Bereich, um den herum sich andere Sektoren gruppieren, um ihn zu ermöglichen.

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Foto: touch, Lizenz: CC0

Wie können wir die restlichen Wirtschaftszweige, etwa die Güterproduktion, so organisieren, dass sie unsere Beziehungen unterstützen? Statt: Wie können wir unsere Beziehungen so gestalten, dass sie die Güterproduktion unterstützen oder dieser zumindest nicht in die Quere kommen? Die unterschiedliche Schwerpunktsetzung in diesen beiden Fragen bewirkt, dass sie vielleicht letztlich doch nicht auf‘s Gleiche hinauslaufen, sondern deutlich andere Prioritäten hervorbringen.

Zum einen sind Commons eine Wirtschaftsweise und soziale Organisationsform, die Beziehungen zwischen Menschen ohnehin viel stärker in den Mittelpunkt stellt, als anonyme Märkte das tun. Durch das gemeinsame Aushandeln von Regeln und den Aspekt der Selbstorganisation in der Gruppe gewinnt die Qualität des Austausches an Bedeutung im Vergleich zu dem einer hierarchisch organisierten Firma. Menschen werden füreinander stärker als Menschen sichtbar und die Gesamtheit ihrer Bedürfnisse findet eher Eingang in den gemeinsamen Prozess. Durch die soziale Form der Commons kann der Aspekt des Für-Ein-ander-Sorgens auch dort stärker Einfluss finden, wo es etwa um Produktion von Gütern geht.

Zum anderen gibt es natürlich auch Commons für jene Bereiche, wo es speziell um das Aufwachsen von Kindern, die Unterstützung von alten, kranken oder krisengeschüttelten Menschen geht. So gibt es etwa im Gesundheitsbereich zahlreiche Selbsthilfegruppen, die zu guten Teilen als Commons organisiert sind, zum Beispiel die 12-Schritte-Gruppen nach dem Modell der Anonymen Alkoholiker (AA). Die AA selber etwa bestehen seit über 70 Jahren und haben derzeit weltweit über zwei Millionen Mitglieder in gut 100.000 Gruppen. Andere Programme wie Al-Anon (für Angehörige von Alkoholikern) oder Narcotics Anonymous haben auch 25.000 – 65.000 Gruppen. In diesen Gruppen sitzen ausschließlich Betroffene, die ihre »Erfahrung, Kraft und Hoffnung« miteinander teilen, um ihre eigene körperliche und emotionale Gesundheit zu finden und zu erhalten.

Die inhaltliche Ausrichtung kommt aus der Literatur, die etwa bei Al-Anon aus einer über die Jahrzehnte gewachsenen Zusammenstellung von persönlichen Geschichten vieler verschiedener anonymer Mitglieder besteht. Diese Zusammenstellung, sowie das Regelwerk für Dienste kommen aus überregionalen Strukturen, die nach einem recht klassischen Delegationsprinzip beschickt werden und die die oft betonte Autonomie aller lokalen Gruppen ergänzt. Alle Gruppen erhalten sich finanziell durch ihre eigenen Beiträge (für Raummiete), und leiten Überschüsse weiter an überregionale Stellen, wo es zum Teil auch Angestellte gibt. Weder diese noch die gewählten, rotierenden Diensthabenden in den Gruppen gelten als Vorgesetzte der Gruppen. Auch für die Öffentlichkeitsarbeit werden viele verschiedene (anonyme) persönliche Erfahrungen nebeneinander gestellt, es soll keine Einzelperson für die Organisation sprechen.

Spannend, wie sich hier verschiedene Aspekte wiederfinden, die aus anderen – explizit politi­schen – Gruppen bekannt sind, die aber aus ganz anderen Wurzeln entsprungen sind.

Diese Selbsthilfegruppen haben keinen gemeinsamen Wohnraum, ein Aspekt, der bei vielen anderen Care-Commons jedoch eine große Rolle spielt. In manchen Gemeinschaften gibt es eine intensive Wohn-/Lebens-/Arbeits- und Gütergemeinschaft, wie etwa in der Communauté de la Poudrière in Belgien, die auf soziale Inklusion ausgerichtet ist. Aufmerksame Präsenz, Freundschaft, geteiltes Leben und gemeinschaftlicher Arbeitsrhythmus bieten seit den 60er Jahren nicht nur Gemeinschaftsbegeisterten, sondern auch Menschen mit Krisen aller Art (von Obdachlosigkeit und Alkoholismus bis Depression und geistigen Einschränkungen) sowohl eine materielle, als auch eine emotionale Basis für ein neues Leben, das auf Dauer, nicht nur als Übergangslösung Bestand haben kann. Anders als andere Emmaus-Gemeinschaften hat die Poudrière keine Angestellten oder Sozialarbeiter*innen; alle rund 70 Mitglieder der Gemeinschaft leben mit Kost, Wohnmöglichkeit und dem für alle gleichen Taschengeld.

Gemeinsamens Wohnen, oft selbst ein Commons, kann eine Ausgangsbasis für weitere, auch kleinere, losere oder weniger formal strukturierte Care-Commons sein. So beheimatet das innerstädtische »Wohnprojekt Wien« mit etwa 70 Menschen nicht nur die – formalen und leicht identifizierbaren – Commons einer Food-Coop und eines Carsharings. Sie bietet auch Raum für ein wenig formalisiertes Commons rund um Kinder.

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Diese laufen alleine und gemeinsam im ganzen Haus herum, im Gemeinschafts- oder Spielraum ebenso wie in diese oder jene Wohnung – die meisten Türen sind offen, auch jene von Menschen ohne Kindern. Alle Erwachsenen kennen alle Kinder und können im Bedarfsfall aktiv werden. Die Kinder haben also viel mehr Freiraum und die Eltern können einfach schnell mal weg. Das sind Bedingungen wie im idealtypischen Dorf – die mitten in der Großstadt sonst kaum zu finden sind, wo man im Treppenhaus leise sein muss und die Straße noch den Autos gehört.

Die Kinder im Wohnprojekt wachsen nicht zur Gänze so auf: Die meisten gehen in staatliche Schulen und Kindergärten, die Eltern lohnarbeiten. Dieses Commons deckt also nur einen Teil ihres Lebens ab. Wenn es denn ein Commons ist: Aber gerade solche Commons, wo die Regeln viel lockerer und unausgesprochener, aber wohl doch vorhanden sind, auch im Blick zu haben, scheint mir vielversprechend. Der Übergang zum rein Lebensweltlichen ist hier näher, und die Gefahr der Unsichtbar-Machung, des Übersehens, unter der die Commons ja insgesamt sehr leiden, ist hier vielleicht noch mal besonders groß.

Warum gibt es manchmal keine selbstorganisierte Kindergruppe oder Schule im Wohnprojekt, reine und formalisierte Commons für das gesamte Aufwachsen der Kinder? Nun, unter anderem deshalb, weil der städtische Kindergarten steuerfinanziert ist. Für die Commons-Kindergruppe müssten die Eltern alle (Zeit/Geld-)Ressourcen zusätzlich selber aufstellen (und weiterhin Steuern zahlen für die staatlichen Kindergärten). Die Ressourcen sind also zugunsten der staatlichen Organisation verteilt. Deshalb wäre Selbstorganistion ein fast nicht zu stemmender Zusatzaufwand – statt nur eine andere Form, die vorhandenen Ressourcen zu verwenden. Wie wäre es, wenn die steuerfinanzierte Summe pro Kind an jene Struktur ausbezahlt würde, die das Kind besucht – auch an eine selbstorganisierte Commons-Struktur?

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Siehe auch:

Commons&Care

Alle Artikel dieses Contraste-Schwerpunktes gibt es hier.

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Care Commons. Beziehungen unterstützen

  1. Pingback: Commons in Contraste | CommonsBlog

  2. Pingback: Contraste: »Beitragen statt Tauschen« — keimform.de

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