Commons und Selbsterkenntnis

Kommunikation in die Welt bringen

Ein Beitrag aus dem Contraste Schwerpunkt Juli/August 2017:

Die Praxis des Commoning – oder allgemeiner: das Anerkennen kooperativer Praktiken – ist mit der Selbsterkenntnis des Einzelnen verbunden. Mehr noch, in meinen Augen ist Selbsterkenntnis notwendige Bedingung für eine Verbreiterung und Vertiefung der Commons.

von T.M.

Ohne eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person ist die innere Logik der Commons nur schwer zu verstehen, sie wird zur bloßen intellektuellen Aufgabe. Aber es muss meiner Ansicht nach auch eine emotionale Aufgabe, ja eine Erkenntnistat sein. Denn eines ist für mich klar: Der Kern des Menschseins, des Lebendigseins, ist die Kommunikation, das gemeinsame Verständigen über die Realität. Und genau das ist der Kern der Commons: Kommunikation über den Zustand der Welt und die Veränderung, die man (gemeinsam) in diese Welt bringen will.

Dies weist darauf hin, dass Commons und allgemein kooperative Praktiken in der Natur der Menschen liegen und dass sich Menschen selbst auf den Weg machen können, diese Möglichkeit zu erkunden. Lippenbekenntnisse zu den Commons bringen niemanden weiter. Eine rein intellektuelle Einsicht, dass es etwas wie einen Weg neben Staat und Markt gibt, ist wertlos, wenn der Mensch innerlich dagegen rebelliert oder sich im eigenen Kontext gefangen fühlt.

Commoning ist Praxis und wir alle sind konditioniert von einer autoritären, bürgerlichen Welt. Überragend dabei wirkt immer diese Angst, sich selbst zu begegnen. Aber genau das muss geschehen, denn Commons finden dann einen Platz, wenn der einzelne Mensch sich selbst kennt und versteht, weiß, was er/sie selbst in die Welt bringen will, weiß, was ihm etwas bedeutet, wenn er/sie die eigenen Abhängigkeiten und vor allem Ängste (er-)kennt. Gelingt dies, können die Commons als Gestaltungsweg plausibel und gangbar erscheinen und die mit Commoning verbundenen Herausforderungen werden ein Kanal des Lernens über den Zustand der Welt.

Diese Argumente beruhen unter anderem auf der Arbeit von Jiddu Krishnamurthy, mit dem ich mich über die letzten Jahre beschäftigt habe. Dieser indische Philosoph des letzten Jahrhunderts stellt die Rolle der Selbsterkenntnis unter anderem als das Sehen von Unsicherheit, Angst und Beziehungen im individuellen Kontext heraus.

Ich persönlich fand und finde diese inneren Auseinandersetzungen mit mir und meiner Umwelt äußerst hilfreich und befriedigend. Sie führen dazu, dass ich radikal offen zu kommunizieren versuche, mit meiner Familie, mit meinen Kollegen und mit mir selbst. Und eben das ist der Kern des Commoning: eine ehrliche Kommunikation mit anderen – aber durch mich hindurch. Das muss man für sich selbst lernen, die damit verbundenen Risiken eingehen und aushalten. So habe ich unlängst meiner Frau gesagt, dass mich Polyamorie interessiert, dass mich interessiert, ob Beziehungen-mit-mehreren-Frauen-führen etwas für mich ist. Es gab eine fürchterliche Situation über zwei Tage, aber wir sind gemeinsam zu dem Punkt gekommen, dass wir eben diese Standpunkte haben und dass es unsere Realitäten sind. Jeder kennt den Standpunkt des jeweils anderen und versucht, ihn zu begreifen und dabei mit den eigenen Wünschen und Ängsten umzugehen. Diese Kommunikation hat unsere Beziehung noch ein Stück reifer, interessanter und klarer gemacht.

Kurz gesagt: Commons brauchen ehrliche menschliche Beziehungen und offene Kommunikation, nicht nur im unmittelbaren Umfeld, sondern auf allen Ebenen. Zu so etwas ist in meinen Augen nur in der Lage, wer ehrlich zu sich selbst ist. Und dabei hakt es vermutlich bei vielen. Menschen laufen ständig vor sich weg, bereuen so viel in ihrem Leben: das nicht gemacht, hier nichts gewagt. Sie haben Angst vor sich selbst. Aber diese Angst gehört zu ihnen: Sie kann nicht einfach negiert werden, sie ist ja da. Die Angst anzuerkennen ist der erste Schritt, andere Möglichkeiten zu sehen und zu gehen.

Wenn wir beispielsweise über Geldlogik reden, dann heißt das auch, zu sehen, dass Geld ein Symbol für Sicherheit, für Permanenz, für Stetigkeit ist, etwas das den Menschen ermöglicht, an dem Glauben festzuhalten, dass alles so bleiben wird wie es ist. Im Grunde ist es ein Symbol dafür, dass ihre Angst vor Bedeutungslosigkeit und dem Tod abgemildert wird.

Aber der Glaube, dass mir jemand 100 prozentige Sicherheit bieten kann, ist ein Irrglaube. Es ist nicht so, dass jemand anders mir sagen kann, was wird, was ich zu tun habe, dass alles gut wird. Diese Welt entsteht vor unseren Augen und durch uns. Es ist unsere Entscheidung, wie wir darauf reagieren, wir entscheiden, was welche Bedeutung für uns hat.

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Gemälde aus dem Tiroler Volkskunstmuseum, letztes Drittel des 17th century, Spielt mit dem Sprichwort „Nimm dich selbst bei der Nase“ und wird auch „Vogel Selbsterkenntnis“ genannt. LIzenz: GDFL, by Javier Carro

Und genau da sind wieder die Commons: Die Welt gemeinsam erschaffen, den Fokus auf soziale Prozesse legen, also auf das inhärent Immaterielle was eigentlich zählt. Viele Menschen haben, glaube ich, noch nie die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, wirklich gerne zu tun, was man tut, es für wirklich richtig und gut zu halten. Dann kommt Spaß ins Spiel, Dinge, die früher angsteinflößend wirkten (Jobverlust, Trennung vom Partner), sind plötzlich Herausforderungen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Man ist im Einklang mit der Welt, gestaltet, baut, entwickelt, wird eins mit der Welt, weil sie schön, aufregend, neu und unbekannt ist. All dies sind Eigenschaften auch von Commoning – Prozessen: das Sich-einlassen auf andere Menschen kann jedes Mal eine neue, unbekannte (und damit lehrreiche) Erfahrung sein.

Solange die Menschen Stetigkeit und Sicherheit wollen und suchen, werden sie sich von Commons kaum beeindrucken lassen, denn Commoning bedeutet gemeinschaftliches Entwickeln und Aufbauen von etwas, das noch nicht klar ist und eigentlich nie fertig wird. Das steht in krassem Gegensatz zu einer mechanischen Lebensweise und objektorientierten Welt.

Menschen können erkennen, wie lebendig sie sind und wie lebendig sie gemeinsam sein können. Sie können lernen, los zu lassen und die Welt als das sehen, was sie möglicherweise ist: Ein Strom von Partikeln und Energie, in dem wir eine Lebensform unter zahllosen anderen sind. Commoning bietet hierfür den Beginn und das Ziel, einen Einstieg und Rastplatz, Inspiration und Reflektionsfläche.

xxx

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