Horizonte des Commoning

Ein Beitrag aus dem Contraste Schwerpunkt Juli/August 2017:

Im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari leben 85.000 heimatlose Syrer in einer ungewöhnlichen Situation. So lässt es aufhorchen, wenn die Zustände im Lager von der New York Times, am 4. Juli 2014, als »der Normalität nahe« beschrieben werden. Diese Normalität, das sind dann Reisebüros, ein Flughafen-Shuttle oder ein Pizza – Lieferdienst, der sich eines selbstgestrickten Adresssystems bedient. Ökonomie im herkömmlichen Sinne. Es gibt aber auch Räume und Prozesse, die gemeinsam angeeignet werden, anspruchslose Infrastruktur wird durch viel Eigeninitiative und Nachbarschaftlichkeit ergänzt. So werden Problemlösungen entwickelt, die auf gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Verantwortung beruhen. Das bewahrt die Würde der Menschen. Um Würde und ownership geht es auch beim Commoning. Von einigen Lagern im Westjordanland wird Ähnliches berichtet, fast als gäbe es hie und da »Inseln des Commoning«.

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Obwohl Commons in aktuellen Debatten eine immer größere Rolle spielen, fehlt es an Arbeiten über die begründenden sozialen Prozesse: commoning. Commoning ist gewissermaßen überall und doch untertheoretisiert. Das überrascht nicht, denn in den Geisteswissenschaften – allen voran der Ökonomie – wird vielfach angenommen, dass soziale Zusammenhänge am besten ergründbar sind, wenn die Analyse vom isolierten Individuum ausgeht, statt von kollektiven Seinsweisen. Mit »methodologischem Individualismus« fällt es aber schwer, Phänomene des commoning überhaupt in den Blick zu bekommen. Stattdessen liegt das Augenmerk auf individuellem Verhalten, auf Marktkontexten oder Ressourcenverwaltung. In Commons & commoning sind aber Beziehungen und subtile kulturelle Signale wichtig. Beides historisch gewachsen. Beides in Regeln, Ritualen und Gewohnheiten eingeschrieben. Wer das nicht sieht, wird Commons als Ding oder herrenloses Gemeingut – und damit als Objekt – beschreiben. Und das ist falsch. Denn im Zentrum der Commons steht eine Vielfalt sozialer Prozesse, durch die Menschen sich auf Augenhöhe organisieren; etwa, um gemeinsam Ressourcen zu nutzen oder Wissen, Räume und anderes zu teilen. Sie tun dies, um Bedürfnisse zu befriedigen, ihre Autonomie und Freiheit zu schützen und bestenfalls auch, um mit natürlichen Ressourcen nachhaltig umzugehen. Oft, aber keineswegs immer, ist der Ausgangspunkt die schiere Notwendigkeit, die eigene Existenz zu sichern.

Wie jeder soziale Prozess folgt auch commoning keiner starren Struktur, ist immer unvollständig und ergebnisoffen. Und wie jeder soziale Prozess ist commoning vom Kontext abhängig, insbesondere von den gesellschaftlichen Verhältnissen. Die heutigen kapitallogik-dominierten Verhältnisse lassen »echtes commoning« kaum zu. Aber wir können entsprechende Praktiken stark machen und auf »Halbinseln gegen den Strom« (Habermann 2009) schwimmen, so dass in den Rissen des Kapitalismus commoning erprobt und gelebt werden kann. Aus diesen Experimenten des Gemeinsamen entstehen nicht selten neue Formen und selbstbestimmte Regelungen des Zusammenlebens.

2009 erhielt mit Elinor Ostrom (verstorben 2012) die erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für ihre Arbeiten zur gemeinsamen Nutzung von so genannten »common pool resources«, Gemeingütern. In ihrer Forschungstradition wird gemeinsames Tun also tendenziell auf Ressourcenverwaltung bezogen, auf die Regeln und Normen, die sich in der gemeinsamen Nutzung von Wälder, Gewässern oder Land bewährt haben. Die zahlreichen von Ostrom inspirierten Arbeiten neigen jedoch dazu, die innere Dynamik des commoning unerforscht zu lassen. Doch es ist für Commons wichtig, dass sich Menschen als »in Beziehung seiend« verstehen. Die Identität und das Verhalten eines »Ich-in-Beziehung«, die daraus entwickelten Praktiken und Normen prägen uns, machen Menschen überhaupt erst zu Commoners, so wie das ständige Denken und Handeln in Kategorien und Realitäten des Marktes sie zum homo oeconomicus macht.

In den letzten Jahren gab es eine regelrechte Welle von Veröffentlichungen, die über etablierte Commons-Theorien hinausweisen. Darin werden Commons nicht bloß als Ressource verstanden, sondern als Räume postkapitalistischer Praxis, was an den US-amerikanischen Historiker Peter Linebaugh erinnert. Es sei »bestenfalls verwirrend und schlimmstenfalls gefährlich« von Commons als natürlicher Ressource zu sprechen, weil dann Natur und Menschen als wirtschaftlich Verwertbares angesehen werden. Von dort ist es nicht weit bis zum »Natur-« oder »Humankapital«. In Commons aber gibt es keinen Zwang, das Soziale und die Natur so in eine mikroökonomische Logik zu pressen, dass sich alles auszahlen muss. Commoning erschafft Lebenswelten auf eine andere Weise, so dass wir uns der vielfachen Abhängigkeiten bewusst bleiben, in denen wir leben. Zudem ist commoning »prefigurativ«, das heißt, es bezeichnet Praktiken, die neue Formen politischer Ordnung erprobend vorwegnehmen. Und schließlich ist commoning plural; es wird keine Gleichartigkeit vorausgesetzt. Menschen sind einfach verschieden! Sie können große Differenzen haben und (wollen/müssen) dennoch zusammenarbeiten. Dafür brauchen sie gute Bedingungen, Infrastrukturen und Institutionen. In der Verschiedenheit muss gemeinsames nutzen, teilen, entscheiden und handeln gelingen, schlicht weil es gemeinsame Interessen und Bedürfnisse gibt.

Commons, aus dieser Perspektive des gemeinsamen Handelns betrachtet, haben keinen »substantiellen« Kern und keine eindeutige Definition. Sie werden einfach immer wieder neu hervorgebracht, durch commoning. Kurz gesagt: Commons sind nicht. Sie sind immer im Werden. Diese Re-Konzeptualisierung ist auch deshalb wertvoll, weil sie unseren Blick weitet für die Gestaltbarkeit der Welt; Leila Dawney (2013) spricht von der »Produktion gemeinsamer Welten«. Und der irische Commonsexperte Patrick Bresnihan beschreibt commoning als »materielle und diskursive Praktiken …, durch die … geteilte Welten (entstehen), denen eine Kraft und Logik innewohnt, die sich radikal abgrenzt von den Wertvorstellungen und dem Umgang mit Wissen in der kapitalistischen Produktion….« (Bresnihan 2016: 106) Diese interne Logik wird unter anderem von Friederike Habermann beschrieben, für die Commoning auf vier Prinzipien beruht:
Besitz statt Eigentum:
Es kommt darauf an, dass ich de facto in einer Wohnung bin, dort »sitze« und ein Dach über dem Kopf habe und nicht, dass diese Wohnung de jure mein individuelles Eigentum ist.

Teile was Du kannst:
Bei Wissen, Ideen oder Code ist das sowieso kein Problem. Es wird immer mehr, wenn wir es teilen. Bei Materiellem kommt es auf die Bedürfnisse und die Nutzungsinteressen und Intensitäten an. Auch ein Apfel kann schon mal mehr werden, wenn man ihn teilt.

(Bedingungsloses) Beitragen statt Tauschen:
Die Idee ist, Geben vom Nehmen zu entkoppeln. Raus aus der Logik, dass wir nur etwas bekommen können, wenn wir auch etwas – vermeintlich Gleichwertiges – leisten.

Offenheit und Freiwilligkeit:
Die Räume des Commoning mögen zwar begrenzt sein, aber sie müssen prinzipiell diskriminierungsfrei zugänglich bleiben. Zwang führt nie zu Commons.

Mit Commons und commoning kann man nicht puristisch sein, doch ist die Klarheit der Idee oft Kompass für das Handeln. So befindet Johannes Euler vom Institut für Kulturwissenschaften in Essen zu recht: »wenn alle Aspekte des commoning teilweise vorhanden sind, aber die entscheidenden handlungsleitenden Faktoren sind andere (z.B. »es muss sich rechnen«, S.H.), dann geht es bei den entsprechenden Praktiken um etwas Anderes als commoning.« (Euler 2017, Manuskript)

Einige dieser Aspekte des Commoning, so wie ich sie sehe und der Literatur entnehme (zugegeben noch zu analytisch abstrakt), möchte ich im Folgenden vorstellen.

Commoning

  • ist immer einzigartig, weil sich konkrete Handlungsumstände ebenso ändern wie wir und unsere Beziehungen
  • kann eine Ethik des Sorgetragens erzeugen. Leila Dawney meint gar: »Zuwendung [ist] ein natürliches Ergebnis von commoning.« (Dawney, 2013)
  • ist potentiell verantwortungsvoller Umgang mit der Natur. »Wenn wir fühlen, […] dass wir an etwas beteiligt sind, das uns […] übersteigt, dann können wir ein Ethos gemeinsamer Verantwortung […] für unsere Welt entwickeln.«, so Dawney. Das ist eine Möglichkeit, keine Realitätsbeschreibung. Tatsächlich verdrängen zum Beispiel viele »digitale Commoners« unsere Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen.
  • bedarf emotionaler Arbeit. Wir müssen uns in der Unsicherheit menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen zurechtfinden und das führt uns immer wieder in die Begegnung mit unserem Selbst.
  • führt zu einer pluralistischen Ethik, denn commoning geschieht nur selten unter wirklich Gleichgesinnten, sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten und verschiedenen Interessen bringen diese miteinander in Einklang
  • ehrt verkörpertes und situationsspezifisches Wissen. Die Welt ist ein Netz von Beziehungen ohne Innen und Außen. Kulturen, Bräuche und Rituale spiegeln das wieder. So haben im mittelalterlichen England Commoners ihr Alltagswissen unter anderem durch die quantitative Begrenzung ihrer eigenen Nutzungen von Wäldern, Ackerland oder Wasser umgesetzt (stinting). Dabei ging es nicht um den Zugang selbst, sondern um konkrete Nutzungsobergrenzen, was ein tiefes ökologisches Wissen zur Grundlage hat.
  • kennt Grenzziehungen, aber keine starren Grenzen. Von Fall zu Fall sind konkrete Grenzziehungen notwendig. Commons sind kein Schlaraffenland, wo sich jede*r nach Gutdünken bedienen kann.
  • schafft sozial und rechtlich Neues. Beispiel Solidarische Landwirtschaft: auf der Next Farm Over in Hadley, Massachusetts, erwerben die Mitglieder einmal im Jahr einen Ernteanteil, den sie einmal pro Woche abholen können. Es gibt keine festen Preise und in der Regel auch keine präzisen Mengenangaben (manchmal Obergrenzen), wie viele Tomaten, Gurken, Radieschen und Salat sie mitnehmen können. Die Mitglieder füllen entweder große, mittlere oder kleine Taschen mit dem Gemüse das sie bevorzugen, je nach dem welchen Anteil (groß, mittel oder klein) sie vor der Produktion erworben haben. Ist die Ernte schlecht, gibt es von dem Mitgliedsbeitrag nichts zurück, denn die Mitglieder einer SoLaWi teilen sich das Produktionsrisiko. So entstehen aus dem gemeinsamen Experimentieren nicht nur soziale Innovationen, sondern auch neue Institutionen und sogar Rechtsformen.
  • bietet Atempausen vom Kapitalismus, denn es ist auf eine andere Vision des menschlichen Lebens gerichtet als jene, die der Kapitalismus vorgibt. Das heißt auch, dass wir Gesellschaft, Politik und Wirtschaft anders analysieren und besprechen müssen, »epistemisch vom Kapital entkoppelt« wie der Politikwissenschaftler Massimo De Angelis (2012) resümiert. Dadurch öffnet sich ein Denken und eine Sprache, das nicht-kapitalistische Weisen fördert, unsere Welten immer wieder neu herzustellen. Und das wiederum ist Grundlage für eine andere gesellschaftliche Ordnung.

Aber gemach, denn »Commoning [ist] ein Konzept, dem sich nur genähert, das aber nie vollständig erreicht werden kann« (Euler 2017). Und das nicht zuletzt, weil andere gesellschaftliche Verhältnisse notwendig wären, um das Potential von Commons und Commoning zu entfalten. Doch es gibt nicht das Eine vor dem Anderen, sondern beides zugleich und durch-­einander.

Lesenswertes

Bresnihan, Patrick (2016): The more than Human Commons, in Kirwan, Sam., Leila Dawney und Julian Brigstocke (Hg.) Space, power and the commons: The struggle for alternative futures. Routledge.

Dawney, Leila (2013): »Commoning: The Production of Common Worlds.«

De Angelis, Massimo (2012): »Commoning and Radical Transformation.«

Euler, Johannes (2017): »Conceptualizing the Commons: Moving Beyond the Goods-based Definition by Introducing the Social Practices of Commoning as Vital Determinant,« in Ecological Economics (under review)

Habermann, Friederike (2009): Halbinseln gegen den Strom: Anders leben und wirtschaften im Alltag, Ulrike Helmer Verlag

Kimmelman, Michael (2014): »Refugee Camp for Syrians in Jordan Evolves as a Do-It-Yourself City«, New York Times vom 4. Juli 2014, https://www.nytimes.com/

Ostrom, Elinor (1999): Die Verfassung der Allmende Jenseits von Markt und Staat. Mohr-Siebeck

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Ein Gedanke zu „Horizonte des Commoning

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