Was kann eigentlich nicht zum Commons werden? Im Prinzip nichts.

In diesem aktuellen Band von Platform, herausgegeben von Elisabeth Hartung, gibt es 44 Interviews mit „Gestalter_innen und Kollektive(n) … aus Design, Politik, Kunst, Wirtschaft, Philosophie, Wissenschaft, Psychologie und Stadtplanung.“ Sie sprechen von kollaborativen Methoden, dialogischen Prozessen und neuen Perspektiven für die Gesellschaft der Zukunft. Und auch von Commons; ich wurde auch interviewt :-).

Eine Frage lautete:

„Ihrer Definition nach sind Commons nicht nur gemeinschaftlich zu nutzende Güter wie Grund und Boden, also nichts rein Gegenständliches. Commons bezeichnen eher spezifische soziale Verhältnisse, die von Menschen hergestellt werden. Was kann laut dieser Definition nicht zu Commons gemacht werden?

Nichts.

Wirklich nichts?
Ich kann Ihnen aus allen Lebensbereichen und Produktionsfeldern Beispiele nennen,
in denen der Commons-Gedanke eine große Rolle spielt. Das fängt beim Hausprojekt an und hört bei der Medikamentenproduktion auf. Es geht bei Commons letztlich um eine Frage der Haltung. Wie wollen wir zusammenleben? Wie soll etwas hergestellt werden? Als Ware, zu der nur Zugang hat, wer sie auch bezahlen kann? Oder als Gemeingut, das nicht diskriminierenden und selbstbestimmten Zugangs- und Nutzungsregeln unterworfen ist?


Könnten Sie das noch etwas konkre­ter erläutern?

Waren sind etwa Gemüse, das wir im Laden kaufen können. Commons, hier könnte man auch sagen ‚Gemeingut‘, wäre Gemüse, das aus der Solidarischen Landwirtschaft stammt. Die Produktion von ‚SoLaWi‘-Gemüse finanzieren Menschen über ihre Beiträge und erhalten im Gegenzug einen Ernteanteil, einen ‚Share‘. Je nachdem, wie die Ernte ausfällt, ist dieser Anteil geringer oder üppiger. Da wird also keine ‚konkrete Gurke‘ für eine bestimmte Menge Geld gekauft, sondern es wird aufgeteilt, was solidarisch vor­ finanziert und dann produziert worden ist. Eine Ware ist ein Mikroskop, das von einem kommerziellen Hersteller entwickelt, produziert und verkauft wird. Die Plattform OpenSPIM hingegen ist ein Commons, in dem nicht nur die Entwicklung und Verbesserung von Mikroskopen, sondern auch die Verbreitung und Pflege dieser Technologie durch eine aktive und selbstorganisierte Community betrieben wird.
Eine Ware ist die Enzyklopädie im Off-line oder Online-Buchladen, die ich mir als konkretes Exemplar bestellen kann und bezahlen muss. Ein Commons indes ist Wikipedia. Darin teilen Menschen ihr Wissen und andere ihr Geld in Form von Spenden. Aber beides geschieht unabhängig voneinander. Ich könnte diese Liste fortsetzen für Häuser, allerlei Fortbewegungsmittel und Maschinen. Es gibt offenbar nichts, das man nicht als Gemeingut in die Welt bringen kann und am Ende
ist das auch viel günstiger.

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Hier geht’s zum vollständigen Interview.

Das Buch NEUE ALLIANZEN (Hg. Elisabeth Hartung) umfasst 292 Seiten, erschien im Verlag av edition und kostet 39 Euro (zzgl. Versand). ISBN: 978-3-89986-279-9

PS: Mein Beitrag steht unter eine freien Lizenz. Leider gilt das noch nicht für das gesamte Werk. Wird noch.

3 Gedanken zu „Was kann eigentlich nicht zum Commons werden? Im Prinzip nichts.

  1. Danke für die schöne Inspiration! Desto mehr ich mich mit „Commons“ beschäftige, desto mehr komme ich zu dem Erkenntnis, daß Allmendeprozesse allgegenwärtig sind. Jeder öffentliche Spielplatz, jeder Fahrradweg oder jeder WG-Putzplan funktioniert commonisch. Ist es deswegen nicht naheliegend, Commons „negativ“ zu formulieren? Also:

    Alles, was OHNE
    a) Machtstrukturen
    b) Geld- und Tauschlogik
    c) gesetzliches Regelwerk
    geregelt wird, ist commonisch.

    Dann wäre nämlich klarer, daß erst durch das Römerreich, das Christentum und jegliche patriarchale Nachfolger das commonische verloren gegangen ist. Also das viel „Ältere“ ist und nicht etwas Neues.

    Oder denke ich da total verquer und übersehe etwas Wichtiges?

    Matthias Fellner vom Oya-Team

  2. Hi Matthias,
    danke meinerseits für die Anregung!
    Ich denke, dass es klar ist, dass Commons/ commoning viel älter ist als Markt-Staat. Aber ich tue mich etwas schwer mit dem Verweis auf das „Alt-Sein“. Er ist wichtig (wegen der anthropologischen Verankerung sozusagen), aber er hilft in der konkreten Gestaltung wenig. Denn so wie das „früher war“, ist es eben heute nicht mehr. Wir müssen Commons unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen herstellen.
    AllmendePROZESSE sind, wie Du richtig schreibst, zwar überall, aber sie sind überall unterschiedlich. Sie sind Vollzüge in spezifischen Kontexten. Und als Vollzüge SIND sie nicht OHNE Machtstrukturen, sondern bringen einen anderen Umgang mit Machtstrukturen hervor. Diesen „Umgang“ müssen wir beschreibbar machen (dafür nutze ich die patterns-Methode), dann ist das Nachahmen und Einüben leichter.
    Beste Grüße Silke

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