Commoning: Lasst uns die Regeln ändern!

von Christian Schorsch*

Anfang Juni im hübschen Dorf Pfarrkesslar in Thüringen. Beim Seminar „Anders wirtschaften und den Wandel gestalten“ werden Ansätze zu Solidarischer Ökonomie, Buen Vivir und Commons vorgestellt und diskutiert. Die Commons-Forscherin Silke Helfrich wird in einem Workshop von drei Stunden die Idee der Commons vermitteln. Ich freue mich, sie persönlich kennen zu lernen, und bin gespannt, wie sie in dieser knappen Zeit eine Commonswelt eröffnen will – ein fast aussichtsloses Vorhaben. Als Silke am Vorabend am Lagerfeuer mit uns überlegt, dass sie dafür ein Spiel nutzen will, bin ich ehrlich gesagt enttäuscht. Nicht nur, dass ich mir bei Gruppenspielen immer kindisch vorkomme, sondern auch, dass sie damit möglicherweise kostbare Zeit verplempert, die wir gut für ernsthafte Diskussionen nutzen könnten.

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spannende Dinge geschehen hinter diesen Mauern

Nach einer morgendlichen Meditationsübung werden wir Teilnehmenden unter freiem Himmel zu dem vorbereiteten Spiel eingeladen. Es ist der bekannte Stuhltanz: es läuft Musik, in der Mitte steht ein Stuhl weniger, als Menschen zügig drumherum laufen, wenn die Musik stoppt, versucht jeder, sich so schnell wie möglich zu setzen und einer bleibt übrig. Die Aufgabe für die Teilnehmenden besteht zunächst darin, ganz bewusst den Ablauf, die anderen und die Gruppendynamik zu beobachten und sich gegebenenfalls Notizen dazu zu machen.

Die Musik setzt ein und einige beginnen gleich damit, nicht nur im Kreis zu laufen, sondern zu tanzen, oder rebellieren, indem sie entgegen der allgemein eingeschlagenen Richtung laufen. Doch ich lasse mich davon nicht beirren, und viele andere auch nicht. Schließlich sind alle darauf konzentriert, einen der zu wenigen Stühle zu ergattern. Während dieser ersten Umläufe erinnere ich mich wieder, dass mir schon als Kind dieses Spiel nicht gefallen hat. Ob es vielleicht an der inneren Anspannung lag, die das drohende Gefühl des Versagens und Ausscheidens mit sich brachte? Ich gehöre heute zu den ersten, die ausscheiden müssen, weil sie keinen Stuhl bekommen. Oder eher ausscheiden dürfen!? Das gibt mir die Möglichkeit, ungestört von außen weiter zu beobachten.

Der Ablauf des Spiels ist erwartungsgemäß. In jeder Runde sind weniger Mitspielende in der Mitte aktiv und mehr und mehr gesellen sich zu den Ausgeschiedenen, die sich zu einem umgebenden Kreis formieren. Im Hinterkopf ständig die Frage, was das alles denn mit Commons oder gar Commoning zu tun haben könnte. Repräsentiert dieses Konkurrenzspiel um die knappe Ressource Stuhl unser heutiges Wirtschaftsmodell? Ich verfolge diesen Gedanken weiter und werde innerlich immer aufgewühlter, als ich mehr und mehr Details entdeckte, die diesen Ansatz untermauern: Systematisch ist in diesem Spiel niemals genug für alle da, so dass immer Viele verlieren und letztlich nur ein Einziger gewinnt! Es zeigt sich immer wieder, dass diejenigen, denen das Gegeneinander entweder grundsätzlich widerstrebt oder die aus mangelndem Stolz, Ehrgeiz oder sportlichem Eifer keine Ellenbogen ausfahren können, zuerst ausscheiden. So findet eine Auslese statt, bei der Egoismus, Gier und Durchsetzungskraft auf Kosten anderer von Vorteil sind. Vielleicht sind gar kleine Gemeinheiten oder Betrügereien gewinnbringend. Doch nicht nur das: die Ausgeschiedenen bilden – aus welchem Grund auch immer – einen Kreis um die verbliebenen Mitspieler und verbringen ihre Zeit nun passiv damit, die Konkurrierenden in der Mitte zu beobachten, sie anzufeuern, zu bejubeln oder ihr unglückliches Ausscheiden zu bedauern. Sie selbst oder gar die anderen Ausgeschiedenen am Rand bleiben unbeachtet. Ganz besonders aufgefallen ist uns das, als Silke nach Abschluss der Runde fragt, wer von uns Norbert im Blick hatte. Norbert ist blind. Dass er nicht mitspielen kann, erschien vermutlich allen von Beginn an als zwar bedauerlich, aber völlig klar.

Beim nachdenklichen Beobachten frage ich mich auch, wer repräsentiert hier eigentlich wen oder was? Gewinner und Verlierer sind klar. Auch der Moderatorin, mit der Überwachung von Regeln und Interventionsmacht betraut, ist schnell die Rolle des Staates zugeschrieben. Aber worum geht es eigentlich? Im Grunde um die Verfügbarkeit und Verteilung der Stühle. Stellen sie Arbeitsplätze dar, Geld oder allgemein verknappte Ressourcen? Und dann gibt es beim Stuhltanz noch einen unauffälligen Beteiligten im Hintergrund: die Helferin, die in jeder Runde Stühle wegnimmt, sie ins Abseits stellt und damit dem Zugriff aller anderen entzieht. Welchem Akteur dies in unserem Wirtschaftssystem entsprechen mag, darüber lässt sich trefflich streiten.

Nun wird eine zweite Runde eingeläutet. Alle Stühle wieder auf Ausgangsposition, dieses Mal sogar ein paar mehr Stühle als es Mitspieler gibt. Es folgt eine wichtige Ansage der Spielleiterin: „Vergesst für diesen Durchlauf sämtliche anderen Regeln und folgt nur noch dieser hier: ‚Jeder findet einen Platz!‘“ Wie merkwürdig. Die Musik setzt ein, alle machen mit. Alle! Sogar der blinde Norbert tanzt mit um die Stühle und wird hier und da von dem einen oder der anderen mitgenommen, auf etwas hingewiesen oder unterstützt. Von Beginn an herrscht eine andere Atmosphäre, die ich ich nicht gleich einordnen kann. Doch mit der Zeit spüre ich, was die neue Regel bewirkt: Angstfreiheit!

Die Musik stoppt. Rempeln ist nicht nötig, denn es herrscht Überfluss an Stühlen, so dass jeder problemlos einen Sitz einnehmen kann. Auch Norbert findet in Ruhe einen Stuhl. Selbst in der nächsten Runde kann noch jeder auf einem Stuhl sitzen, obwohl die Helferin wieder fleißig damit beginnt, Stühle ins Abseits zu rücken. Dann schlägt die steigende Knappheit wieder zu. Allerdings beginnt auch die neue Regel ihre Wirkung zu entfalten, und zur Angstfreiheit gesellt sich die Kreativität. Naheliegend ist zunächst, sich einen Stuhl zu teilen, was im Nachgang immer öfter vorkommt. Ein anderer setzt sich ganz frech auf einen der an die Seite gerückten Stühle. Irgendwann kommt jemand auf die Idee, die aussortierten Sitzplätze wieder in die Mitte zu rücken. Silke interveniert, bezeichnet dies jedoch im Anschluss als Fehler und entschuldigt sich damit, das Spiel in dieser Form zum ersten Mal angeleitet zu haben. Die Kreativität und der Mut in der Gruppe steigen. Warum soll denn eigentlich der Erdboden keinen Platz für mich darstellen? Und ist ein Stehplatz denn am Ende nicht auch ein Platz? Die Teilnehmenden beginnen damit, ihre Augen zu öffnen und den Blick zu weiten. Dabei entdecken sie, dass die Umgebung noch viel mehr zu bieten hat als die von der Organisation zur Verfügung gestellten Stühle! An der Hauswand beispielsweise steht eine sehr einladend wirkende Bank. Und auch die Treppe bietet Gelegenheit, einen Platz einzunehmen. Runde um Runde werden es weniger Stühle. Doch es herrschen weder Unruhe noch Unmut. Ganz im Gegenteil! Der Zusammenhalt der Gruppe wächst, wir inspirieren uns gegenseitig und haben viel Spaß dabei, die plötzlich endlos wirkenden neuen Möglichkeiten zu entdecken.

Mehr und mehr Mitspielende entziehen sich dem Tanz um die Stühle und plötzlich setzt ein Gemurmel ein: es gibt einen Plan! Zwei Mitspielerinnen haben eine Idee und verbreiten sie in der Runde. Fast alle machen mit: kurz nach dem nächsten Musik-Stop rennen wir zur fest installierten Sitzgruppe am Haus, um dort gemeinsam den rebellischen Ausstieg zu feiern. Zwar rappeln wir uns dann doch noch einmal auf, um noch eine letzte Runde mit zu spielen, aber die Stühle lassen die Gruppe inzwischen nur noch kalt…

Umso mehr ich darüber nachdachte, was wir da gerade gemeinsam erlebt und erfahren haben, umso beeindruckter war ich von der spielerischen Idee. Kann es einen besseren Einstieg in die Welt der Commons geben, als sie zu erleben, sie zu fühlen und diese Welt tatsächlich erfahrbar zu machen? Die Versicherung „Jeder findet einen Platz!“ stärkt nicht nur das Vertrauen in die Mitmenschen und nimmt Existenzangst und Furcht vor der Scham des Versagens, sondern eröffnet ganz neue Denkweisen und Möglichkeitsfelder!

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Zuerst veröffentlicht auf Oya-online, die Spielanleitung (leider nur auf Englisch) könnt Ihr übrigens bei mir nachfragen.

Die Oya-Ausgabe, in der dieser Beitrag erscheint, landet Anfang Juli in den Briefkästen der Abonentinnen und Abonennten. Bald darauf kann das Heft auch an Bahnhofskiosken gekauft werden. Und hier geht’s zum Abo.

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