COVID19: Was können WIR tun?

Liebe Commonsblog-Besucher,

Vorab: Ich bin kein Virologe, kein Epidemiologie-Experte und auch kein Mediziner, sondern Neuro- und Entwicklungsbiologe. Meine Berufstätigkeit besteht darin, Menschen relativ komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären. Ich möchte hier auf dieser Basis einige Gedanken zur COVID19-Epidemie äußern und hoffe, damit bei Interessierten etwas Zuversicht zu verbreiten. Das Gesagte ist mein (!) Verständnis. Ich kann nicht garantieren, dass diese Gedanken fehlerfrei sind!

Um Mithilfe beim Gendern dieses Textes wird gebeten.

SARS-CoV-2, das die COVID2019 Pandemie (das ist eine globale Epidemie) auslöst, ist ein sogenannter Corona-Virus. Diese Bezeichnung verdankt es seinem Aussehen, wobei ein Virus nicht wirklich nach etwas aussehen kann, denn er ist nur etwa 60 – 140 Nanometer klein (ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter), somit viel kleiner als die Wellenlänge des Lichts und kann deshalb von unserem Auge überhaupt nicht gesehen werden, auch nicht mit einem Mikroskop.

3D_medical_animation_coronavirus_structure

Abbildung 1: CC BY SA 4.0 https://www.scientificanimations.com/ on wikipedia

Warum es trotzdem Bilder von dem Virus gibt liegt daran, dass man mit komplizierten physikalischen Methoden (z.B. Elektronenmikroskopie) ein schematisches „Bild“ von Eigenschaften dieses Virus erschaffen kann. In diesen Bildern sieht es aus, als habe das Virus eine Krone (daher Corona). Wie das Virus genau funktioniert und aus was es besteht ist spannend, hier aber nicht wichtig und auch nicht kurz erklärbar. Für die Entwicklung von Arzneimitteln und Impfstoffen ist dies aber sehr wichtig, weswegen intensiv daran geforscht wird.

An dieser Stelle ist etwas anderes wichtig: Ein Virus dringt in Körperzellen ein (z.B. Zellen der Atemwege, der Nasenschleimhaut oder des Darms) und bringt diese Zellen dazu, zahlreiche Kopien des Virus zu produzieren und auszuscheiden. Ein gut an den Wirt angepasstes Virus schädigt den Infizierten wenig und hält sich dadurch auch selbst am Leben, wobei ich es eigentlich nicht mag, einem Virus Strategien oder Absichten zu unterstellen. Im Grunde stellt unser Körper die Viren also selbst her und man kann sie in gewisser Weise als Teil von uns selbst betrachten.

Aufgrund der Winzigkeit des Virus können sich Tausende von Viruspartikeln in einen Tröpfchen Speichel, Nasensekret oder Kot befinden und wir können uns leicht damit infizieren, wenn wir von einem Träger dieser Viren angesprochen, angenießt oder angehustet werden. Wenn ein Infizierter nach dem Toilettenbesuch die Toilettentür öffnet, in dem er die Türklinke betätigt (wie sonst?) und sich erst dann im Vorraum die Hände wäscht (was in fast allen öffentlichen Toiletten gar nicht anders geht), dann ist die Türklinke wahrscheinlich infektiös. Wenn wir diese Türklinke nun anfassen und uns anschließend ins Auge, den Mund oder die Nase fassen, bevor wir uns selber die Hände gründlich gewaschen haben, dann werden wir uns mit hoher Wahrscheinlichkeit infizieren. Dasselbe gilt für die Griffe von Einkaufswagen im Supermarkt, Türklinken jeder Art und im Grunde alles, was jeder anfasst (Geld?). Gibt man jemandem die Hand, so können dadurch Viren auf die Hand der Begrüßten übertragen werden, die sich dadurch wiederum infizieren können.

Dies bedeutet nicht, dass man kein Geld mehr anfassen darf, sondern dass man sich anschließend grundsätzlich die Hände waschen sollte.

Meine Anmerkungen zur Verwendung von Atemschutzmasken werde ich vorerst zurückziehen, da ich ein kritisches Feedback bekommen habe, das durchaus Sinn macht.

Die Verwendung von Einmalhandschuhen halte ich für unsinnig. Diese bewirken nur, dann man bei unsachgemäßer Handhabung unaufmerksam wird und seine Umwelt noch mehr kontaminiert. Um bei dem drastischen Beispiel zu bleiben: Wer sich mit Einmalhandschuhen den Hintern wischt, der merkt nicht einmal, dass etwas am Handschuh klebt, das er dann an die Türklinke schmiert. Für einen selbst ist der Handschuh nutzlos, denn man infiziert sich ja nicht durch die Hand, sondern wenn man am von außen kontaminierten, behandschuhten Daumen lutscht.

Kommen wir zurück zu COVID19. Das ist die vom Virus ausgelöste Krankheit und nicht das Virus selbst. Diese Krankheit kann sehr milde verlaufen (ein bisschen Fieber und Husten) oder sehr gravierend, bis hin zu tödlichem Verlauf.

Das Problem von COVID19: Die gravierenden Fälle benötigen eine Behandlung im Krankenhaus, möglicherweise auf der Intensivstation UND die Krankheit ist sehr ansteckend, wird also leicht übertragen.

Wenn man das Prinzip des „exponentiellen Wachstums“ kennt, dann wird man auch verstehen, warum diese Kombination schlecht ist. Man erinnere sich an die Geschichte mit der Erfindung des Schachspiels und den Reiskörnern: Ein Korn aufs erste Feld. Zwei Körner aufs zweite Feld. Vier Körner aufs dritte Feld. Acht Körner aufs vierte Feld. Und so weiter – 18 Trillionen 446 Billiarden 744 Billionen 73 Milliarden 709 Millionen 551 Tausend und 615 Reiskörner insgesamt, dann ist das Schachbrett voll. Ihr könnt die Geschichte hier nachlesen, wenn Ihr wollte:

https://meinstein.ch/math/reis-auf-dem-schachbrett/

Kurzer Exkurs in die Zahlen:

Mathematisch sieht das Schachbeispiel so aus: 20 + 21 + 22 … + 263. Das Wachstum heißt „exponentiell“, weil der Exponent (also die kleine Zahl rechts oben) wächst und nicht die Basis zwei unten. Die Basis zwei bedeutet, dass sich die Zahl in jedem Zyklus verdoppelt. Epidemiologen nennen diese Basis auch Basisreproduktionsrate.

Wäre die Basisreproduktionsrate 3, dann würde sich die Zahl der Reiskörner von Feld zu Feld verdreifachen. Bei einer Basis von 1 wächst die Zahl der Körner geradlinig (linear), da 1 mal 1 bekanntlich 1 ist. Man hätte am Ende also 64 Reiskörner. Das Robert-Koch-Institut geht wohl von einer Basisreproduktionsrate des Virus von 2,4 bis 3,3 aus. Ein Wert von 3 ist zwar mathematisch noch eine milde Form exponentiellen Wachstums, die eintreten würde, wenn jeder Infizierte drei andere Menschen ansteckt. Selbst dann könnten aber schon nach wenigen Infektionszyklen (und diese betragen nur einige Tage) theoretisch Milliarden von Menschen infiziert sein. In Wirklichkeit stimmt dies aber nicht, denn das „exponentielle Wachstum“ kann nur kurz existieren und kommt aus verschiedenen Gründen schnell an seine Grenzen. Es erreicht ein Plateau und verhungert gewissermaßen.

Ende der ungeliebten Zahlenspiele

Auch Bakterien oder Hefezellen wachsen eine Zeit lang exponentiell und erreichen dann ein Plateau. Wäre dies nicht so, dann wäre der Globus längst bis zur Stratosphäre mit Bakterien gefüllt. Menschen werden wegen ihres Immunsystems wieder gesund. Dadurch fällt die Anzahl der Infizierten nach dem Erreichen dieses Plateaus sogar wieder ab. Statt einem „Plateau“ entsteht also ein „Peak“ (ein Gipfel). Der Basisreproduktionsrate kommt aber eine wichtige Bedeutung zu, wie wir gleich sehen werden.

Aus epidemiologischer Sicht ist die Ausbreitung des Virus nicht automatisch beunruhigend, sondern in gewisser Weise sogar wünschenswert. Denn wenn nicht ein Großteil der Menschheit mit diesem Virus konfrontiert wird, dann bliebe dieses immer eine pandemische Bedrohung für die Menschheit. Dies ist beispielsweise beim Ebola-Virus der Fall. Da Ebola-Infektionen bei bis zu 90 % der Infizierten zum Tod führen, ist eine Verbreitung nicht gerade erstrebenswert, wenngleich die 10 % Überlebenden die Bedrohung durch Ebola anschließend los wären.

Warum dann also dieses ganze Theater? Warum Schulen und Gaststätten schließen? Warum sich nicht einfach gegenseitig herzen und küssen, damit alles schnell vorüber ist?

Ihr ahnt es wahrscheinlich schon:

Die Anzahl der insgesamt während der Pandemie infizierten Personen wird vermutlich um die 70 % liegen, egal wie oft wir uns die Hände waschen. Du, deine Geschwister, deine Freunde, deine Bekannten werden vermutlich irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten an COVID19 erkranken und darüber muss man nicht in Panik verfallen.

Wichtig ist aber, dass die schweren Fälle, die prozentual bei einer COVID19-Infektion auftreten, nicht alle gleichzeitig auftreten und damit so häufig werden, dass sie die Kapazität der globalen Gesundheitssysteme (und wenn man so will, auch die Wirtschaft) überfordern.

Die folgende Grafik illustriert sehr gut, wie Abstandhalten von unseren Artgenossen (social distancing) den Verlauf der Epidemie verändern kann:

Unbenannt

Abbildung 2: CC BY-SA 4.0 by Johannes Kalliauer (Wikipedia)

Ein aktuelles Beispiel findet sich hier, wobei Lodi rechtzeitig drastische Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit implementiert hat:

Wir müssen also gemeinsam dafür sorgen, dass sich diese Infektion möglichst langsamer ausbreitet, damit der Spitzenwert der Pandemie von den Gesundheitssystemen (und der Wirtschaft – wer den Kapitalismus nicht mag, der soll an dieser Stelle Nahrungsmittel erzeugende Bauern oder Altenpfleger einsetzen) ausgehalten werden.

Wenn das nicht gelingt, so hat die Pandemie möglicherweise zahlreiche Todesopfer und schwere Krisen zur Folge. Zwar verwies der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin darauf, dass die Sterblichkeitsrate bei nur etwa 0,3 bis 0,7 Prozent der Infizierten liegt, aber dies gilt nur dann, wenn die schweren Fälle angemessen versorgt werden können.

Dramatisch wird es in Ländern werden, in denen viele Menschen keinen Zugang zu funktionierender Krankenversorgung haben, aber das hat uns (man verzeihe mir den Zynismus) ja noch selten sehr bekümmert. Jedes Jahr sterben circa 500.000 Menschen an Malaria, was noch nirgendwo zu Hamsterkäufen von Insektenschutzmitteln geführt hat, da es uns ja (bisher!) nicht betrifft.

Aus diesen Gründen ist es zwar nicht erforderlich, in Panik zu verfallen (diese macht einen sowieso nicht gesünder), aber es ist dafür zwingend erforderlich, dass wir als Gesellschaft durch sinnvolles Handeln (bis hin zu sehr drastischen Maßnahmen) die Steilheit der Infektionskurve verringern und dafür sorgen, diesen Prozess so sehr wie möglich zu verlangsamen. Dies nicht zu tun wäre unverantwortlich!

Die Steilheit dieser Kurve wird durch die oben erwähnte „Basisreproduktionsrate“ bestimmt und diese können wir beeinflussen, indem wir eben nicht  durchschnittlich 3,3 andere Menschen infizieren, sondern 2,4 oder noch weniger.

Parallel dazu sollten wir besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen schützen, bis die Spitze dieser Kurve überwunden ist und möglicherweise auch Impfstoffe oder Arzneimittel entwickelt sind.

Drastischen Maßnahmen (wie Schul- und Kitaschließungen, Ausgangssperren, Reiseverbote etc.) müssen zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle eingesetzt werden, um effektiv zu wirken. Dies kann nur von Experten entschieden werden, von denen sich Politiker beraten lassen müssen.

Experten müssen dringend in Ländern beraten, in denen es wenige gut ausgebildete Experten gibt. Ich gerade in Lima erlebt, wie nach der Immigrationskontrolle, in der man mit Hunderten von Leuten in einer Warteschlange steht, eine Gesundheitskontrolle durchgeführt wird. Sinnvoll wäre eine solche Kontrolle aber aus meiner Sicht nur dann, wenn das Fieber direkt beim Ausstieg aus dem Flugzeug gemessen wird und bei Verdachtsfällen alle Passagiere dieser Maschine sofort zu isoliert werden.

Für das, was jeder Einzelne von uns konkret tun kann, halte ich folgende Maßnahmen für sinnvoll:

  • Konzentriert Euch darauf, was Ihr mit Euren Händen anfasst. Immer und überall! Nicht nur auf öffentlichen Toiletten, dort aber besonders.
  • Bevor wir uns ein Stück Schokolade reinschieben, Krümel aus dem Mundwinkel wischen oder die Augen reiben: Hände waschen! Dies klingt einfacher als es ist und erfordert einfach eine erhöhte Aufmerksamkeit.
  • Einkaufslisten schreiben und so die Anzahl der Menschen reduzieren, die gleichzeitig in Supermärkte und andere Läden gehen. Je weniger Menschen in der Kassenschlange stehen, umso geringer ist die Infektionsgefahr.
  • Wenn möglich zu Uhrzeiten und an Tagen einkaufen, an denen wenig los ist.
  • Bitte dabei den Unterschied zwischen sinnvoll viel Einkaufen und Hamstern bedenken. Hamstern bedeutet, dass dem Pool Ressourcen entzogen werden, die man im Moment gar nicht benötigt, die anderen aber dann möglicherweise fehlen. Hamstern ist unsozial, denn es verursacht Probleme und löst keine.
  • So ungern ich das sage: Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel sollte man minimieren, insbesondere zu Stoßzeiten. Damit meine ich nicht, stattdessen mit dem Auto zu IKEA zu fahren (wohnst Du noch oder hustest Du schon?), sondern vielleicht einfach mal zu Fuß in den Laden nebenan zu gehen und den Kauf eines neuen Sofas ins nächste Jahr verschieben.
  • Bitte die VerkäuferInnen beim Bäcker nicht anhusten.
  • Auf den Besuch von Kneipen, Restaurants, Geburtstagsfeiern, Partys und Veranstaltungen verzichten, insbesondere dann, wenn man sich selber nicht ganz gesund fühlt.
  • Besonders ältere und kranke Menschen dabei unterstützen, sich so selten wie möglich Infektionsrisiken aussetzen zu müssen. Dabei aber bitte bedenken, dass man auch selber auch ein mögliches Risiko darstellt.

Was ich aber auch zu bedenken gebe:

  • Nicht so viel Sterillium verwenden, dass Ihr Hautkrebs davon bekommt.
  • Einmalhandschuhe betrachte ich eher als ein Sicherheitsrisiko, weil man unvorsichtig mit ihnen wird und weil sie die Weiterverbreitung nicht verhindern.
  • COVID19 ist keine Hysterie, sondern ein Problem, dass wir sehr ernst nehmen müssen, aber bitte ohne dabei den Humor zu verlieren.

Immerhin ist COVID19-induzierter Stillstand ganz gut fürs Klima. Ein schwacher Trost, aber besser als nichts.

Herzliche Grüße,

Jacques Paysan (Um Korrekturen und kritisches Feedback wird ausdrücklich gebeten)

Ein Gedanke zu „COVID19: Was können WIR tun?

  1. Pingback: Die Keimformen in der Pandemie — keimform.de

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