Allmende statt Open Everything

Offenheit sagt sich leicht dahin und ist doch kein Leichtes. In Vertrauensräumen ist es einfacher, offen zu sein und etwas freizugeben. Menschen fürchten dann nicht über den Tisch gezogen zu werden. Sie vertrauen darauf, dass das, was sie freigeben von Anderen auch sinnvoll genutzt wird. Oft wird über die Technik bestimmt, wie etwas offen gehalten — im Sinne von frei zugänglich — wird. Der Riegel eines Gartentors lässt sich schnell beiseite schieben. Ein Schloss erschwert die Sache, die Einzäunung mit Klingendraht macht die Nutzung des Gartens durch Dritte fast unmöglich. Ähnlich wie beim Zugang zu Grundstücken in der analogen Welt, wird auch im Reich des Digitalen der Zugang zu Inhalten auf technologischen und rechtlichen Wegen geregelt (Stichworte: Kopierschutz, Urheberrecht). Etwas zu öffnen, gar alles zu öffnen (Open Everything) ist dabei lediglich eine besondere Form das zu tun. Regeln wiederum sind ein wichtiger Begriff in der Allmende. Das Wort Allmende stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ursprünglich: allen in der Gemeinde abwechselnd zukommend. Diesen Anspruch einzulösen, bedarf seit jeher vielfältiger und differenzierter Regeln.

Jenseits von »offen vs. geschlossen«

Seit es so einfach ist, Inhalte über das Internet sofort und überall verfügbar zu machen, wird leider wenig differenziert. Von »Offenheit« ist geradezu leichtfertig die Rede. Dabei wird oft übersehen, dass diese Kategorie einen bestimmten Denkrahmen aktiviert: »offen oder geschlossen«. So wie »schwarz oder weiß«, »ganz oder gar nicht«, »Mann oder Frau« – es wird hier Zweiheit und Gegensatz beschrieben wo Vielfalt und Zusammenhang sind. Das aktiviert zuverlässig unseren Entweder-Oder-Denkmodus; wir kennen das Phänomen zum Beispiel aus Debatten über territoriale Grenzen – »auf oder zu«. Wenn wir nun lediglich die beiden Extreme eines riesigen Spektrums möglicher Zugangsregeln benennen, verengen wir unseren Blick. Das gilt sowohl für die analoge als auch für die digitale Welt. In Letzterer gibt es »offenen« Zugang zu einem Werk, wenn selbiger nicht per Urheberrecht oder Bezahlschranke eingeschränkt wird. Die entsprechenden Geschäftsmodelle werden als »proprietär« bezeichnet. Die Regelung der Zugangsrechte beruht hier auf einer Idee des Ausschlusses, was dazu führt, dass künstlich verknappt wird, was im Grunde mehr wird, wenn wir es teilen. Die Verknappung wiederum ist Voraussetzung dafür, Inhalte und Informationen als Waren zu behandeln. Als Waren wie alle anderen – wie Turnschuhe, Fahrräder oder Brötchen. Nun ist es richtig, sich gegen diese Verknappungen und Kommodifizierungen zu wehren. Aber es ist unklug, das im Entweder-Oder-Modus zu tun.

Im Kontext des dominierenden Wirtschaftssystems geht es darum, die Fülle und Vielfalt der Wissensallmende zu nutzen und quelloffene Software, Texte, Fotos, Werke, Daten und Dinge als Commons zu schützen. Genau das hat Richard Matthew Stallman, Vordenker der Freien Software Bewegung, bereits vor über 30 Jahren erkannt und über entsprechende Rechtsinstrumente (die General Public Licence – GPL) umgesetzt. Die Rede von »offenen Daten, Inhalten und Code« spannt aber auch deshalb einen problematischen Rahmen auf, weil es klingt, als hätten Daten, Inhalte und Code die Eigenschaft, offen zu sein. Dabei haben diejenigen, die etwas öffnen ein Interesse daran, dass all diese Artefakte einerseits möglichst Vielen zugute kommen und andererseits nicht hinter Absperrungen aller Art verschwinden.

Peer-Openess: differenzierte Regeln nach Nutzungsform

Open Everything für alle und für jedweden Zweck kommt — so die These — letztlich einer Erlaubnis zur individuellen Aneignung bzw. Re-Privatisierung gleich. Große Unternehmen können sich an der Software- und Wissensallmende bedienen und dies in die eigenen Verwertungsketten einspeisen. Wer Marktmacht hat wird damit strukturell bevorteilt. Um das zu verhindern, ist Differenzierung wichtig. So kann die Wissensallmende beispielsweise für manche Zwecke und Nutzergruppen frei zur Verfügung gestellt werden und für andere nicht. Wir können von denen, die nichts zur Wissensallmende beitragen, Geld für die Nutzung verlangen, von Anderen nicht. Die Eigenart schöpferischer Prozesse und die soziale Dynamik, durch die Werke entstehen, sollten zudem in den Zugangs- und Nutzungsregeln sichtbar bleiben. Im Konkreten erfordert das sensible Aushandlungsprozesse und einen wachen Blick für‘s Detail. Doch in der Begeisterung für »Open Everything« geraten gerade Details tendenziell in den Hintergrund. Wenn eine Datenbank in »bürgerwissenschaftlicher« Arbeit aufgebaut wird oder Fotofans ihre Bilder »einfach so« online stellen, wollen sie möglicherweise nicht direkt dazu beitragen, dass sich das Machtgefälle noch weiter zu Gunsten der Marktmächtigen verschiebt. Im Gegenteil, sie wollen zum Gemeinsamen beitragen. Deshalb brauchen wir Zugangs- und Nutzungsrechte, welche die Wissensallmende als Commons schützen.

Creative-Commons-Lizenzen – für mittlerweile mehr als 1,6 Milliarden Werke – bieten Urheberrechtsinhaber*innen einfache und standardisierte Optionen an, vorab ihre Erlaubnis zur Weitergabe und Nutzung ihrer Werke zu erteilen. Nur einige der CC Lizenen schützen dabei das Werk als Commons. Andere beruhen auf der Idee der weitgehend bedingungslosen Freigabe für jedweden Zweck. Das hat – genau wie die Sorglosigkeit im Umgang mit Open Everything – dazu beigetragen, dass viele Menschen meinen, Commons seien allgemein und prinzipiell »offen«.

Die Zugangsregel »offen« wird an dieser Stelle mit der Nutzungsregel »frei« im Sinne von kostenlos verwechselt – so als ginge es darum, dass sich alle an allem bedingungs- und kostenlos bedienen könnten. Dem ist nicht so. Sinn und Zweck eines Commons ist, gemeinsam verantwortete Verfügung zu sichern und die Vorteile für alle Beteiligten zu maximieren. Das erfordert durchdachte und situationsspezifische Zugangs- und Nutzungsregeln. Zwar kann bedingungslose Offenheit funktionieren, wenn etwas – wie digital verfügbare Information – durch die Nutzung nicht aufgebraucht wird und immer genug Energie für die Bereitstellung vorhanden ist. Für sogenannte »rivale« natürliche Ressourcen jedoch setzen erfolgreiche Allmenden typischerweise auf raffinierte Zugangsregeln. Sie setzen in spezifischer Form Grenzen, schränken den Zugang für alle für bestimmte Zeiten ein oder schließen bestimmte Nutzungszwecke oder Fördertechniken aus.  Daraus ist etwas zu lernen.

Zugangsfragen nie ohne Bereitstellungsfragen denken: share & steward

Wenn wir kollektive Handlungsmöglichkeiten erweitern, künstliche Verknappungen beenden und die ohnehin schon übermächtigen Akteure nicht zusätzlich aus der Allmende nähren wollen, reicht die Verteidigung der Offenheit nicht aus. Mehr noch: wir müssen den unreflektierten dualistischen Rahmen »offen versus geschlossen« aufgeben und uns neue Konzepte überlegen: Peer Openness etwa: „Ist das ein peer-offenes Dokument?“, fragte mich kürzlich ein Kollege. „Nein, es wurde an Elsevier abgetreten und der Verlag wird Deine Peers zur Kasse bitten.“ Zudem hilft der schlichte Gedanke, Zugangsfragen nie losgelöst von Bereitstellungsfragen zu denken: „Wie kommen Inhalte und Werke eigentlich in die Welt?“ Statt einfach „frei weiterzugeben“ können wir uns daran erinnern, dass Wissen weitergegeben und geschöpft und bewahrt werden muss. Auf das und kommt es an. Das Eine kann nicht ohne das Andere geregelt werden. Und wenn wir beides regeln, sollte die Ausrichtung immer sein: Wissen und Inhalte dem Markt zu entziehen und als Allmende/Commons zu behandeln und zu schützen. Denn nur so entsteht wirklich für alle der größte Nutzen.

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