Rückkopplungen für lebensfähige Commons

Ein Beitrag aus dem Contraste Schwerpunkt Juli/August 2017:

Das englische Wort »commons« bezieht sich ursprünglich auf gemeinsam bewirtschaftete Naturräume, wie Weideland, Fischereigebiete und Wälder. Commons wurden im Zuge der Moderne jedoch scharf bekämpft, meist mit dem Ergebnis von Raubbau an der Natur, letztlich zugunsten einer kleinen Elite der Weltbevölkerung. Können Commons heute eine zeitgemäße Antwort geben, wie wir mit der Natur besser umgehen können?

Wolfgang Höschele, Heidelberg

Diese Frage kann vielfältig beantwortet werden. Ganz wichtig sind Praxisbeispiele. Es ist aber auch wichtig, zu verstehen, wie diese Beispiele funktionieren oder eben nicht, damit wir Lehren auch in ganz anderen Kontexten anwenden können. Hier können systemtheoretische Fragestellungen nützlich sein, welche Rückkopplungen es gibt und welche wir haben wollen.

Man kann Commons auffassen als eine Antwort auf die Frage, wie in Gemeinschaft lebende Menschen Ressourcen dauerhaft nutzen können. Kurzfristige Vorteile Einzelner müssen mit der langfristigen Zukunftssicherung der Gemeinschaft vereinbart werden. Das erfordert verbindliche, auf Dauer ausgelegte Regeln der Ressourcennutzung und Pflege, die mit der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen vereinbar sind. Regeln dieser Art ergeben sich am ehesten aus freier Übereinkunft von Menschen, die genau wissen, dass auch ihre Kinder und Kindeskinder noch von denselben Ressourcen abhängen werden.

Funktionierende Commons

Unter diesen Voraussetzungen können sich einige wichtige Rückkopplungsschleifen entwickeln (siehe Grafik 1). Ressourcennutzung beschädigt potenziell die Qualität oder die Quantität der Ressourcen, symbolisiert durch einen roten Pfeil (rote Pfeile bezeichnen hier sogenannte umgekehrte Beziehungen, d.h. in diesem Fall: mehr Ressourcennutzung bewirkt verminderte Ressourcenqualität, bzw. im Umkehrschluss geringere Ressourcennutzung bedeutet verbesserte Ressourcenqualität). Gleichzeitig können Ressourcen nur genutzt werden, wenn sie auch da sind, symbolisiert durch den schwarzen Pfeil von Ressourcenqualität zu Ressourcennutzung (schwarze Pfeile bedeuten positive Relationen, in diesem Fall: bessere Ressourcenqualität erlaubt mehr Ressourcennutzung, verminderte Ressourcenqualität erlaubt nur geringere Nutzung). Diese Schleife kann zu einem Zusammenbruch des Systems führen, falls die Nutzung der Ressourcen ihre Regenerationsfähigkeit wesentlich übersteigt.

In einem Commons führen erste Zeichen verminderter Ressourcenqualität jedoch dazu, dass neue gemeinschaftliche Verpflichtungen ausgehandelt werden (dargestellt durch einen roten Pfeil). Es geht entweder darum, die Ressource besser zu pflegen, oder sie weniger stark zu nutzen. So kann sich die Ressource erholen. Bleibt die Ressourcenqualität hoch, dann brauchen nur wenige Verpflichtungen ausgehandelt zu werden. Das heißt, dass Commons gemeinhin mit möglichst wenigen und einfachen Regeln auskommen. Unterstützt werden diese Praktiken durch kulturelle Pflege eines langen Zeithorizonts und der inneren Verbundenheit mit den bewirtschafteten Ressourcen. So werden Nutzungsbedürfnisse in der Gemeinschaft dauerhaft und maßvoll befriedigt.

Ausschlaggebend ist die enge Verknüpfung von Ressourcennutzung, Qualität der Ressourcen und gemeinschaftlichen Verpflichtungen. Nur wenn aufmerksam und zeitnah auf Änderungen der Ressourcenqualität reagiert wird, kann die Ressource nachhaltig genutzt werden.

Leider werden die Voraussetzungen funktionierender Commons häufig massiv infrage gestellt. Werden z.B. Fische nicht mehr nur lokal, sondern auf dem Weltmarkt verkauft, dann sind die zu befriedigenden Bedürfnisse quasi unersättlich. »Globalisierung« dieser Art passiert gewöhnlich nicht auf Initiative lokaler Fischer, sondern großer Wirtschaftsinteressen (Regierungen, große Konzerne usw.), die sich nicht um lokal ausgehandelte Verpflichtungen scheren. Ihr Zeithorizont kann enorm kurz sein (z.B. die laufende Legislaturperiode, oder die Zeit, bis ein anderes Fischereigebiet erschlossen werden kann). Von innerer Verbundenheit mit der Ressource kann keine Rede sein. Es kommt zu erheblicher Überfischung. Lokalen Fischern, die wirtschaftlich noch eine Zeit lang überleben wollen, bleibt oft nur, sich selber am Raubbau zu beteiligen.

Unter diesen Umständen kann sich die Rückkopplung zwischen Ressourcennutzung, Ressourcenqualität und gemeinschaftlichen Verpflichtungen radikal verändern. Eigentlich sollte die verminderte Ressourcenqualität verstärkte Bemühungen auslösen, neue Verpflichtungen auszuhandeln. Die neuen Akteure (z.B. technisch hochgerüstete Fischereikonzerne) respektieren jedoch die alten (z.B. traditionelle Fischer) nicht, während die alten den neuen aus gutem Grunde nicht trauen. Folglich funktioniert die alte Rückkopplung nicht mehr – wegen der dramatischen Ressourcenverschlechterung meinen alle, ein Einsatz fürs Ganze lohnt sich ja doch nicht, es ist besser, sich etwas zu schnappen, bevor andere es tun. Der Pfeil von Ressourcenqualität zu gemeinschaftlichen Verpflichtungen wandelt sich in Grafik 2 von rot zu schwarz, und die Zerstörung wird selbstverstärkend.

Gefährdete CommonsIn einer solchen Lage erschweren weitverbreitete Furcht und Misstrauen die Durchsetzung neuer verbindlicher Regeln. Ein Beispiel dieser Art hat die Geographin Emily Young beschrieben, zwei Fischereigebiete in Baja California, Mexiko. Diese wurden nachhaltig betrieben, solange sie vorwiegend auf regionale Märkte ausgerichtet waren und die lokalen Fischer ihre eigenen Nutzungsbedingungen weitgehend selber regeln konnten. Erst die Ausrichtung auf globale Märkte auf Betreiben der Regierung und großer Fischereiunternehmen führte zu Überfischung. Die staatlichen Regulierungsversuche schafften widersprüchliche Anreize und wurden wegen fehlender Überwachung kaum befolgt, wie Emily Young 2001 in ihrem Beitrag State Intervention and Abuse of the Common in der Zeitschrift Annals of the Association of American Geographers 91 (2) nachweist.

Allerdings birgt Grafik 2 auch eine Chance: Wenn es infolge erneuerter gemeinschaftlicher Verpflichtungen doch zu einer Verbesserung der Ressourcenqualität kommen sollte, dann könnte das alle Beteiligten ermutigen, ihre Verpflichtungen zu verstärken! Auf diese Weise könnte die Rückkopplung, die zur Zerstörung eines Commons führt, unter umgekehrten Vorzeichen zu deren Wiederbelebung beitragen. Hier liegt eine große Aufgabe für all jene, die neue Commons aufbauen wollen.

xxx
Wolfgang Höschele ist Geograph, der sich damit befasst, wie eine »Wirtschaft der Lebensfülle« entwickelt werden kann. Dieser Beitrag gründet sich auf seinem Buch, »Wirtschaft neu erfinden: Grundlegung für eine Ökonomie der Lebensfülle« (oekom Verlag, 2017, S. 167-178).

 

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